Arbeiten wir in Deutschland zu wenig?

NÜRNBERG. Das Jahresthema des kda Bayern „Spannungsfeld Arbeitszeit“ ist vielfältig. Wie steht es um die geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland? Wie haben sie sich entwickelt? Darauf wirft Thomas Krämer, wissenschaftlicher Referent im kda Bayern, einen Blick. 

Arbeitsstunden

Wieder einmal wird in unserer Leistungsgesellschaft darüber diskutiert, ob wir Deutschen genug leisten oder zu faul sind. Diejenigen, die mehr Leistung einfordern, vergleichen die geleisteten Arbeitsstunden, um ihre Position zu stärken. Aber diese Zahl berücksichtigt nicht, wie viel tatsächlich in einer Stunde gearbeitet wird. Eine Stunde Däumchendrehen ist in dieser Rechnung gleichwertig mit einer Stunde Schuften bis der Arzt kommt. Aber selbst wenn man Arbeitsstunden vergleichen will, sollte man nicht die durchschnittliche wöchentlich Arbeitszeit, Feiertage, Höchstarbeitszeit und dergleichen vergleichen.

Arbeitsvolumen

Sinnvoll ist der Vergleich der Entwicklung des Arbeitsvolumens. Dieses Maß ist deshalb besser, weil es nicht nur für Erwerbsarbeit gibt. Auch Pflege, Erziehung, Ehrenamt und anderes mehr sind Arbeit. Sie sind genauso wichtig für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand, wie die Erwerbsarbeit.

Gerade bei der Frage, wie wir die anderen Arbeiten organisieren und von wem sie erbracht werden, hat sich in der Vergangenheit viel verändert. So ist die Erwerbstätigenquote von Frauen angestiegen. Es ist auch gelungen, einen Teil der Zuwanderer*innen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Entsprechend haben wir einen neuen Höchststand sowohl bei der Anzahl an abhängig Beschäftigten als auch bei den Erwerbstätigen (hier sind Selbstständige mit dabei) erreicht.

Zeitlicher Vergleich

Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit ist dagegen in den letzten Jahren gesunken. Das ist richtig. Sie ist gesunken, weil es mehr Teilzeitbeschäftigte gibt. Diesen Anstieg gibt es sowohl bei Frauen wie auch bei Männern, auch wenn deutlich mehr Frauen in Teilzeit arbeiten als Männer.

Aber wir haben in Deutschland seit 1991 ein Allzeithoch beim Arbeitsvolumen erreicht. Das Arbeitsvolumen errechnet sich aus der Anzahl der Stunden, die durchschnittlich im Jahr erwerbsgearbeitet wurde, multipliziert mit der Anzahl der Erwerbstätigen. Man kann also auch behaupten dieses Hoch kam unter anderem nur deshalb zustande, weil es mehr Teilzeit und daher mehr Erwerbsarbeitsmöglichkeiten für Frauen gab.

Dieses Allzeithoch seit der Wiedervereinigung hätten wir als Gesellschaft nicht erreicht, wenn es uns nicht gelingen würde, uns immer wieder gut an geänderte Lebensvorstellungen und Rahmenbedingungen anzupassen. Etwas mehr Vertrauen in diese Lösungsfähigkeit auch im Hinblick auf die Frage, wie das Ausscheiden der sogenannten Babyboomer aus dem Erwerbsleben gestaltet werden kann, wäre wünschenswert. Apelle, Verunglimpfungen und Polemik sind hier sicherlich der gänzlich falsche Weg.

Liniendiagramm der Gesamtarbeitszeit in Deutschland (in Millionen Stunden) von 1991 bis 2024, mit und ohne Überstunden. Beide Linien schwanken im Konjonkturverlauf, steigen im Laufe der Zeit jedoch an. Die Linie mit Überstunden liegt immer über der Linie ohne Überstunden. Die Grafik steht unter der Creative-Commons-Lizenz BY NC SA 4.0. kda Bayern, Thomas Krämer.

Datenquelle: 

IAB: Arbeitszeitrechnung

Weitere Informationen:

Beitrag „Arbeiten die Deutschen zu wenig?“ auf tagesschau.de

Beitrag „Arbeiten die Deutschen zu wenig?“ auf der Webseite der Hans-Böckler-Stiftung

Beitrag „IAB-Arbeitszeitrechnung für das dritte Quartal 2025: Immer mehr Beschäftigte arbeiten in Neben- und Teilzeitjobs“ auf der Webseite des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Beitrag: „35 Jahre Deutsche Einheit: Erwerbstätigkeit von Frauen seit 1991 um 30 % gestiegen“ auf der Webseite des Statistischen Bundesamts

Thomas Krämer, wissenschaftlicher Referent kda Bayern

Politik, Arbeitszeit, Spannungsfeld Arbeitszeit

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