Arbeitslos und doch gebraucht! Mittwochsandacht

In unserer Gesellschaft spielt Arbeit eine sehr große Rolle. Wir definieren uns am häufigsten über Arbeit. Unsere Identität besteht daraus, dass wir arbeiten und uns von unserem Geld Dinge kaufen können. Bei der Arbeit lernen wir unsere Freunde und Partner kennen. Viele sehen den Sinn ihres Lebens nur in ihrer Arbeit. Man ist vor allem seine Arbeit.

Und wenn man seine Arbeit verliert, dann ist man auf einmal nichts mehr. Menschen verlieren ihr Selbstbewusstsein, ihre Würde, ihre Freunde, ihren Lebenssinn, ihre Identität. Sie werden krank, sie können sich nichts mehr leisten, sie rutschen ab ins Elend. Aber der Mensch ist nicht dafür gemacht, nicht gebraucht zu werden. Jeder Mensch will etwas anpacken, hat den ureigenen Antrieb, etwas zu gestalten. Ein Arbeitsloser darf aber nichts tun, außer Arbeit suchen. Das ist seine Aufgabe, sein Part, den ihm die Gesellschaft zuweist.

In unserer Gesellschaft werden Arbeitslose verachtet. Sie gelten als faul, ungebildet, desinteressiert. Sie sind selber schuld. Arbeitslose werden aber dennoch gebraucht.

Sie haben die Funktion, uns Angst zu machen. Denn wenn du dich nicht anstrengst, verlierst du deinen Job. Wenn du nicht Überstunden kloppst, dann bekommst du die Beförderung nicht.

Man hat immer den Arbeitslosen als Bild der Abschreckung vor sich. Und dieser Schrecken, arbeitslos zu werden, treibt alle anderen an, sich weiter anzustrengen. Dafür musste man die Menschen ohne Erwerbsarbeit verächtlich machen. Das hat man so hingenommen. Man machte eine kleine Gruppe zum Sündenbock, nämlich die, die nicht arbeiten, um die große Gruppe der Arbeitenden zu motivieren. So funktioniert nun einmal unser System, unsere Volkswirtschaft.

Wir brauchen Menschen, die für wenig Geld schlechte Jobs machen. Die Arbeitgeber*innen müssen sich darauf verlassen können, dass Arbeitnehmer*innen vollen Einsatz zeigen und sich am besten so sehr wie möglich über ihre Arbeit definieren. Die Arbeitslosen sind dabei das Druckmittel. Je schlechter es den Arbeitslosen geht, desto sicherer können sich die Arbeitgeber*innen sein, Menschen zu finden, die für sie arbeiten.

Unsere Gesellschaft braucht also Menschen, die ohne Arbeit sind: als drohendes Bild des Elends. Arbeitslosigkeit ist kein individuelles Schicksal der Leistungsschwachen, sondern es ist ein gesellschaftlicher Mechanismus, um die Marktwirtschaft am Leben zu erhalten. In unserer Gesellschaft kann jeder Mensch Glück oder Pech haben. Es sind Umstände, Strukturen, manchmal Zufälle, die zur Arbeitslosigkeit führen.

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.

(1.Mose 1,27)

Bei Gott gelten andere Maßstäbe. Für Gott ist jeder Mensch wertvoll und angenommen so wie er ist mit seinen Schwächen und Stärken, mit seinem Schicksal, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht, seinem Stand in der Gesellschaft. Für Gott gilt nur: „Er kennt auch mich und hat mich lieb.“

Pfarrer Reinhold König, afa-Landespfarrer und Pfarrer des BVEA

Foto: canva.com

Arbeitslosigkeit, Würde

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