Kennen Sie auch die Situation, dass man ausgerechnet den Balken absägt, auf dem man selber sitzt und andere mit?
Mit der Kategorie Dummheit hat dieses Verhalten oft wenig zu tun. Es geschieht oft rational und prioritätensetzend. Ich stehe konkret vor der Frage, ob ich den seit 31 Jahren mit viel Freude und Engagement, aber auch mit hohem Zeitaufwand als Ehrenamt regelmäßig versehenen Predigtdienst, mit folgenden Zielen aussetze: Zeitgewinn für die hauptamtlichen Arbeitsgebiete und die persönliche Regeneration hierfür. Intensives Ehrenamt ist dann für die Ruhestandszeit bestimmt.
Die letzten Sonntage im Juni waren angefüllt mit der Leitung von Gottesdiensten. In einem stand die Aussage Jesu in seiner Feldrede aus Lukas 6, 36 – 42 im Mittelpunkt. Der bekannteste Satz daraus ist der Vers 41:
Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?
Jesus macht uns in diesem Bibeltext darauf aufmerksam, dass es nicht klug ist, mit der Lupe durch das Leben wie auch das Arbeiten zu laufen und den „Splitter bei anderen im Auge zu suchen“. Stattdessen empfiehlt er uns einen Spiegel, um die eigenen Gedanken, Haltungen und Handlungen in guter und hilfreicher Weise zu reflektieren.
Sich selber einen Spiegel vorzuhalten ist nicht immer ganz einfach. Es ist leichter, ähnlich einer Verkäuferin im Textilgeschäft, andere im Spiegel zu beraten. Auch ich bekomme, wie viele andere auch, Rückmeldungen zu Predigt und Gottesdienst. Oft geschieht dies an der Kirchentür, beim Kirchenkaffee. Aber auch Wochen später erzählen Menschen, wie die Worte des Glaubens ihnen Hoffnung, Trost, hilfreiche Gestaltung des Zusammenlebens und- arbeitens geworden sind. Und auch das Fragende, Ungelöste und Unversöhnte wird im Nachgang angesprochen.
Wir sind als Menschen auf diese Rückmeldungen essentiell angewiesen. Ohne diese ist Arbeiten und Leben auf Dauer im Guten nicht möglich. Wir brauchen EhepartnerInnen, Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, die im Sinne der genannten Bibelstelle uns vorm Spiegel – wie eine gute und kompetente Verkäuferin im Textilgeschäft – beraten: kritisch, konstruktiv, wahrhaftig und liebevoll barmherzig.
Zurück zur Fragestellung am Eingang: Die Auseinandersetzung mit den Worten Jesu hat mir den Balken vor meinem Kopf bewusst werden lassen und für folgendes den Blick gegeben: Ja, die ehrenamtliche Gottesdienstarbeit ist Arbeit, aber zugleich essentiell für mich persönlich, für mein Leben und Arbeiten; ein großartiges Geschenk. Sie einfach auszusetzen, ja wegzuschieben, würde dem abzusägenden Balken gleichkommen, auf dem man sitzt.
Klaus Hubert, afa-Geschäftsführer/Arbeitsseelsorger, kda-Regionalstelle Schweinfurt
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