SCHWABTAL. Wenn über 20 Frauen zwischen 55 und 90 Jahren sich zum Seminar treffen, dann kommen ein paar hundert Jahre Arbeitszeit zusammen. Über die Erfahrungen mit ihrer haupt- und ehrenamtlichen Arbeit tauschten sich die Teilnehmerinnen an einem März-Wochenende in Oberfranken aus.
Kinder großziehen und gleichzeitig Heimarbeit, Putzstellen, Arzthelferin oder Akkord am Fließband – die verschiedensten Lebensläufe wurden erzählt. Zu den Geschichten aus der Arbeit brachten die Frauen auch Uhren von Zuhause mit, die früher oder heute ihren Alltag strukturieren helfen.
„Erholungsphasen sind wichtig.“
Die meisten haben früh im Leben eine Erwerbsarbeit aufgenommen. Ob als „mitarbeitendes Familienmitglied“ in der DDR, in der Geflügelproduktion, als Kinderkrankenschwester oder in der Gastronomie: für die Frauen blieb neben Erwerbs- und Care-Arbeit „sehr wenig Zeit für mich selber“. Im Rückblick fragen sich einige: „Wie habe ich das alles nur geschafft?“ In den Gesprächen wird klar, dass sie wohl mehr Erholungsphasen gebraucht hätten.
„Ich war fast immer im Funktionsmodus“, beschreibt eine Teilnehmerin.
Heute schaffen es die meisten, mit ihrer Zeit anders umzugehen. „Ich kriege es fertig zu faulenzen – das habe ich gelernt und genieße es“, resümiert eine der Frauen.
„Frauen verdienen mehr Anerkennung für ihre Leistungen.“
Auf verschiedene Art und Weise haben sie versucht, ihre Arbeit (-szeit) gesund zu gestalten. Geholfen haben zum Beispiel: mit dem Rad zur Arbeit fahren, regelmäßige Pausen einhalten und auch Grenzen setzen, wenn es um die eigene Belastbarkeit geht – etwa beim Schichtdienst. Auch von Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements, Betreuung durch Betriebsärzt*innen, Unterstützung durch Supervision oder BEM-Gesprächen nach längerer Krankheit haben einige profitiert.
Kinderbetreuung in den Ferien und im Alltag durch Krippe, Kindergarten und Hort waren ebenso hilfreich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wie wechselseitige Kinderbetreuung in der Hausgemeinschaft oder durch Verwandte. „Optimal ist natürlich, wenn auch der Mann Elternzeit nimmt und in Teilzeit arbeitet“: Das bleibt aber bisher die Ausnahme. Oft müssen Frauen zurückstecken, was die Arbeitszeit betrifft.
Alleinerziehende und Frauen mit Schichtarbeit haben es besonders schwer, so die Erfahrung der Teilnehmerinnen.
„Mein Sohn will auch für die Familie da sein.“
Mit Blick auf ihre Kinder und Enkel und die Entwicklungen in der Arbeitswelt der letzten Jahre wird klar: „Die Menschen wollen heute arbeiten und leben“.
Viele machen Praktika und Ferienjobs und jobben schon während der Schul- und Studienzeit. Heute sind Ausbildungen länger. „Es wird viel gewechselt und ausprobiert“, so nehmen es die Frauen wahr. Besonders seit Corona wird viel mehr im Home Office gearbeitet. „Da geht auch kollegiales Miteinander verloren“, haben einige der Frauen beobachtet. Auch wenn die nächste Generation das Arbeitsleben und die Arbeitszeit anders angeht als sie selbst, sind die Frauen überzeugt:
„Der Ruf der jungen Menschen ist schlechter, als sie wirklich sind.“
Text: Hanna Kaltenhäuser
Foto: kda Bayern




