Bundesverband KWA und kda Bayern: Teilzeit ist Schutzrecht – kein Luxusmodell!

HANNOVER/NÜRNBERG. Der Evangelische Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) und der kda Bayern widersprechen dem aktuellen politischen Vorstoß der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken. Eine solche Politik verkennt die Lebensrealitäten vieler Menschen und gefährdet soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Teilzeit ist ein Schutzrecht

Der gesetzliche Anspruch auf Teilzeitarbeit ist bewusst als Schutzrecht ausgestaltet. Er soll verhindern, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit nur auf Kulanz oder nach individueller Rechtfertigung reduzieren können. Wird dieser Anspruch ausgehöhlt, droht eine Rückkehr zu Abhängigkeitsverhältnissen, die einem modernen Arbeitsverständnis widersprechen.

Teilzeitarbeit ist kein Luxusmodell

„Teilzeitarbeit ist kein Luxusmodell“, betont Gudrun Nolte, Vorsitzende des KWA. „Sie ist für viele Menschen eine notwendige und verantwortungsvolle Antwort auf familiäre Verpflichtungen, Pflegeaufgaben, gesundheitliche Belastungen oder gesellschaftliches Engagement.“

Besonders betroffen von einer Einschränkung des Teilzeitanspruchs wären Frauen. Sie leisten nach wie vor den überwiegenden Teil unbezahlter, gesellschaftlich notwendiger Care-Arbeit. Eine Politik, die Teilzeit erschwert, verschärft bestehende Ungleichheiten – und kann die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit zusätzlich belasten.

Aushöhlung und Abschaffung von Schutzgesetzen

Nina Golf, wissenschaftliche Referentin des kda Bayern sagt:

„In der politischen Arbeitszeit-Debatte scheint nichts mehr heilig. Hier werden Tor und Tür versucht zu öffnen, um Gesetze rückgängig oder zahnlos zu machen. Gesetze, die zum Teil hart erkämpft wurden zum Schutz von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und sich jahrzehntelang bewährt haben. Der Angriff auf das Teilzeitgesetz ist dabei eine weitere Spitze: Das Arbeitszeitgesetz und das neue Bayerische Ladenschlussgesetz sind weitere Beispiele.“

„Auch die Forderungen der bayerischen CSU nach mehr Wochenarbeitszeit für alle und steuerliche Vorteile für Vollzeitkräfte würden in ähnlicher Weise erwerbstätige Frauen benachteiligen.“, so Nina Golf.

Arbeit dient dem Leben

Aus evangelischer Perspektive steht der Mensch mit seiner Würde und seinen Beziehungen im Mittelpunkt. Arbeit dient dem Leben – nicht umgekehrt. Wer Teilzeit moralisch bewertet oder einschränkt, blendet aus, dass Sorge- und Care-Arbeit sowie ehrenamtliches Engagement tragende Säulen unserer Gesellschaft sind. Dieser Verantwortung lässt sich ohne flexible Arbeitszeitmodelle kaum gerecht werden.
„Gründe, warum Arbeitnehmende Teilzeit arbeiten sind sehr vielschichtig“, so Nina Golf, „Nachweisbare Kinderbetreuung und Pflegetätigkeit sowie berufliche Weiterbildung sind lediglich drei Gründe. Care-Arbeit umfasst alle bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten, die im familiären, nachbarschaftlichen, gesellschaftlichen und demokratisch-sozialen Miteinander anfallen, worunter letztlich auch die gesundheitliche Selbstfürsorge fällt.“

Teilzeit ist in vielen Branchen Realität

Zugleich ignoriert die aktuelle Debatte die Realität vieler Branchen. In zahlreichen Bereichen – etwa im Gesundheitswesen oder im Dienstleistungssektor – werden von Arbeitgeberseite überwiegend oder ausschließlich Teilzeitstellen angeboten. Teilzeitarbeit ist hier strukturelle Voraussetzung für Beschäftigung.

Pflege braucht Schutz vor Überlastung

Besonders deutlich zeigt sich dies in der Pflege. Viele Pflegekräfte berichten, dass sie eine Vollzeitstelle aufgrund hoher Arbeitsbelastung, Überstunden und Personalmangels dauerhaft nicht bewältigen können. Teilzeit ist hier kein Ausdruck mangelnder Einsatzbereitschaft, sondern ein notwendiger Schutz vor Überlastung – und oft die einzige Möglichkeit, überhaupt im Beruf bleiben zu können.

Fachkräfte halten – nicht Rechte abbauen

Die Debatte greift zu kurz, wenn Teilzeit pauschal als Ursache wirtschaftlicher Probleme dargestellt wird. Fachkräftemangel und Produktivität lassen sich nicht durch den Abbau von Arbeitnehmerrechten lösen. Attraktive und flexible Arbeitsbedingungen sind vielmehr ein zentraler Faktor, um Menschen im Erwerbsleben zu halten.

Gudrun Nolte und Nina Golf sind auf dem KWA Fachtag „Schöne neue Arbeitszeit?“ am 15. April 2026 in Hannover vertreten: Save The Date

Der Bundesverband KWA hat am 28.1.26 eine Pressemitteilung herausgegeben

Foto: KWA

 

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