Wir Menschen sind einerseits Individuen. Andererseits sind wir aber auch auf den Kontakt mit anderen angewiesen. Ohne diesen Kontakt bleiben Fähigkeiten und Fertigkeiten ungenutzt. Wir Menschen sind also ergänzungsfähig und ergänzungsbedürftig. Doch nur in Gemeinschaften, die von Zusammenhalt und Solidarität geprägt sind, können wir uns voll entfalten und zu dem werden, was wir sein können.
Damit solche Gemeinschaften entstehen, ist jedes Individuum zu seinem Teil verantwortlich. Notfalls hat es die Pflicht, das Einzelwohl unterzuordnen. Umgekehrt trägt die Gemeinschaft die Verantwortung für das Wohl jedes Individuums, dessen Freiheit und Eigenständigkeit. Das Ganze darf nie ein Individuum für seine Ziele opfern oder unterjochen.
Bei Solidarität geht es um gegenseitiges Wohlverhalten, einen Ausgleich der Lasten im Rahmen der Tragfähigkeit und nicht um eine totalitäre Unterordnung. Dieser Gedanke findet sich auch bei Paulus im Brief an die Römer (15,1, Luther 2017).
„Wir aber, die wir stark sind, sollen die Schwächen derer tragen, die nicht stark sind, und nicht Gefallen an uns selber haben.“
In kleinen Gemeinschaften lässt sich Solidarität leichter leben als in großen. Das zeigen viele alltägliche Erfahrungen, von Familie über Staat bis hin zur Weltbevölkerung. Dies hat viele Gründe. In großen Gemeinschaften fühlen sich viele machtlos oder gar ausgeschlossen. Anonymität fördert Rückzug aus Verantwortung. Gruppen grenzen sich voneinander ab, was Gräben schafft, die überwunden werden müssten.
Deshalb erleben viele in Deutschland Zusammenhalt eher im Kleinen als im Großen. Dies weist auf fehlende Nähe und nicht überwundene Gräben hin. Es könnte auch ein Ausdruck für mangelndes Vertrauen in unsere Strukturen sein, auch in die der Sozialversicherungen und Sozialleistungen. Sie überbrücken fehlenden persönlichen Kontakt. Missbrauch ist möglich, aber kontrollierbar. Der Schaden, der durch Kürzungen entsteht, könnte viel größer sein als die vermeintlichen Einsparungen. Auf jeden Fall vergrößern Kürzungen die Kluft und machen sie unüberwindbarer.
Auch Jesus hat sich den Geringen zugewandt. Darum dürfen auch wir andere tragen – nicht aus Pflicht, sondern aus Freiheit und Dankbarkeit. Dies macht Luther in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ besonders deutlich.
Ich hoffe, dass wir uns als Gesellschaft nicht auf einen Weg begeben, auf dem Kräfte, die sich selbst verstärken, letztlich die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zerstören. Gott schenke uns Mut, Vertrauen und Liebe, damit wir Brücken bauen statt Mauern. Denn wo er uns verbindet, wird Gemeinschaft möglich – selbst im Großen. Ich wünsche Ihnen und mir seinen Segen, damit wir erkennen, wo und wie wir Zusammenhalt und Solidarität stärken können.
Thomas Krämer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, kda Bayern
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