Interview: Marieke Franzen, Futurity

Digitalisierung und KI verändern Arbeitsplätze und Lebenswelten. Wir haben Menschen in verschiedenen Branchen und Berufen befragt, wie diese Entwicklung ihr berufliches Umfeld beeinflusst: Marieke Franzen ist Software-Entwicklerin und CEO des Start-Ups Futurity. Sie und ihre weltweit acht Mitarbeitenden helfen mit, Prozesse in der Modeindustrie zu digitalisieren. So können Kunden im Online Shop ihre eigene Mode entwerfen.

Konkret gefragt: Marieke Franzen, CEO des Start-Ups Futurity

Marieke, du sitzt hier mitten in der Fürther Altstadt und lässt Neues entstehen für eine umweltbewusste Modebranche. Wie bist du dazu gekommen, welche berufliche Vorerfahrung hast du?

Ursprünglich habe ich Grafikdesign bzw. Kommunikationsdesign studiert und im Hauptstudium konnte man sich auf Computeranimation spezialisieren. Das ist jetzt schon über 20 Jahre her. Da waren 3-D-Filme noch neu. Das hat mich sehr interessiert und ich habe mich in die Richtung weitergebildet und war dann auch die ersten 10 Jahre meines Berufslebens in der Animations-Industrie. Hauptsächlich Kinderfilme in Europa: „Urmel aus dem Eis“ und solche Sachen.

Dann bin ich übergewechselt zur Visual Effects Industrie. Das sind Action-Filme wie James Bond oder Paddington. Da habe ich als Texturiererin gearbeitet, was soviel heißt wie: Die Sachen bunt anmalen. Dann habe ich mich technisch weitergebildet und wurde Render Supervisor bei richtig großen Filmen wie „Avengers“ oder „Wonder-Women“. Das heißt, ich habe die Inhouse Software mitentwickelt und koordiniert, dass die Software von externen Entwicklern rechtzeitig da ist, damit der Film fertig wird.

Konntest du das in Deutschland machen?

Ich war sechs Jahre in London bei „Double Negative“. Das ist eine der größten Visual Effects Firmen. In der Tech Abteilung waren wir 200 Leute, davon 20 Frauen. Da kann man sich schon vorstellen, dass man sich als Frau echt durchsetzen muss.

Wie bist du auf die Idee gekommen, von der Filmbranche zum Kleider-Design zu wechseln?

Es war die Zeit, als die Mode-Branche begann, mehr digitale Tools zu nutzen und sie suchten aktiv nach Experten aus der Filmbranche oder Game-Industrie. Ich wurde von adidas kontaktiert und geheadhunted. Von der Visual-Effects-Industrie (weil die Arbeitsbedingungen nicht so perfekt waren – über Überstunden haben wir noch gar nicht geredet) bin ich zu adidas gegangen. Dort gab es viel Potential, das noch nicht ausgeschöpft wurde, vor allem, was Automatisierung betrifft.

Mein Wissen aus der Filmindustrie konnte ich sinnvoll anwenden: um Prozesse zu automatisieren, die Visualisierung zu verbessern und damit eine nachhaltigere Art der Produktion zu ermöglichen.

Was war der Kick, von adidas in die Selbständigkeit zu gehen und Futurity zu gründen? Woher kennst du die Menschen, mit denen du jetzt zusammenarbeitest?

Ich habe einfach irgendwo angefangen. Leute angeschrieben, angerufen. Nach adidas war ich kurzzeitig auch noch bei einem anderen Start-Up, dann kam Corona – in dieser Zeit hat die Mode-Industrie einen sehr großen Sprung nach vorne gemacht im digitalen Bereich. Dann habe ich mein Netzwerk aufgebaut.

Was ist das Produkt, dass ihr bei Futurity „herstellt“?

Wir verknüpfen bereits existierende Software-Lösungen miteinander, damit die Softwares miteinander reden, ohne dass ein Mensch sie öffnen muss. Damit kann man Prozesse automatisieren. So wird das auch beim Kinofilm gemacht. Du siehst den Superman durch die Gegend fliegen und der ist komplett digital. Da ist kein Schauspieler, der fliegen kann.

Im Kinofilm werden Kleidung oder digitale Menschen erstellt und ganz ähnliche Tools nutzt die die Mode-Industrie. Hier ist nochmal sehr wichtig: Ist der Schnitt des Kleidungsstücks akkurat? Stimmen die physikalischen Merkmale des Stoffes? Das passiert hauptsächlich händisch: Ein Designer öffnet das Produkt und nimmt Einstellungen vor.

Und das, was wir hier entwickelt haben, ist eine Plattform, auf der das automatisch passiert. Das heißt, ein Kunde kann seine digitalen Daten hochladen auf ein paar Knöpfchen drücken und am Ende kommt das Kleidungsstück raus: drapiert über einen künstlichen Menschen in Bewegung.

Sind Kollegen von dir auch Designer? Habt ihr unterschiedliche Funktionen in eurem Team?

Ja, wir haben auch Mode-Designer im Team, Produktexperten aus der Modeindustrie. Wir sind gemixt: zu 50 Prozent aus der Mode- und zu 50 Prozent aus der Filmindustrie. Außerdem Programmierer, Designer, und natürlich haben wir ein Social-Media-Team, das sich auf Insta und TIKTOK zuhause fühlt. Die machen Clips und halten mich und die Kollegen immer wieder an, Videos zu machen.

Wie stelle ich mir einen Arbeitstag bei Futurity vor. Wie kommunizierst du mit Kolleg*innen, die in verschiedene Ländern verteilt sind? Wie funktioniert eure Zusammenarbeit? Sehr ihr euch auch mal live?

Wir sehen uns hin und wieder live bei Events aber die meiste Zeit sind es Video-Calls. Wir haben das so organisiert, dass wir alle zwei Wochen montags ein Planungs-Meeting haben. Da teilen wir die anstehenden Arbeiten auf. Jede/r kann sich dann raussuchen, wie viel er oder sie in den nächsten zwei Wochen schafft und danach können sich die Kolleg*innen selber organisieren. Zwischendurch gibt es themenspezifische Meeting zur Abstimmung und wir tauschen uns in Online-Chats aus.

Generell können alle sehr flexibel arbeiten. Das ist für viele auch wichtig, um Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren. Genauso wie ein angenehmes Arbeitsumfeld: Dass man auch mal sagen kann, ich setze mich in den Garten und arbeite dort oder ich arbeite mal zwei Stunden früher oder später – wie es am besten passt.

Ihr macht Workshops für Firmen, die eure Programme nutzen. Schult ihr dort die Fachleute?

Meistens bieten wir an: Consulting, Onboarding oder Fragen: Welche Tools sollen wir nutzen? Macht KI Sinn? Wir zeigen den Firmen, wie sie ihre Daten und Produkte an die Plattform anbinden können. Die ermöglicht es den Kunden zuhause vor dem Bildschirm im Webshop dann, bewegte Bilder von Produkten selbst zu erstellen. Zum Beispiel einen Schuh von allen Seiten oder ein T-Shirt, gefaltet oder aufgehängt oder auch an einem Avatar. In der zweiten Version, die wir jetzt erstellt haben, können die Kunden selber den Avatar anziehen und Rock oder T-Shirt miteinander kombinieren. Bei uns sind die realen Schnitte hinterlegt in der Software. Das heißt: Du kannst überprüfen, ob dir das passt. Diese Version werden wir jetzt herausbringen und den Firmen präsentieren.

Denn ich frag mich immer: Wir haben das Jahr 2025 und warum sieht ein Webshop immer noch aus wie 1995?

Ist bei euch KI mit im Spiel?

Wir sehen KI sehr kritisch aber es ist ein Tool, das wahrscheinlich nicht mehr verschwindet. Der Kern unserer Tätigkeit basiert auf Berechnungen und CAD-Daten. Computer können ein Ding wahnsinnig gut: Rechnen. Und KI kann ein Ding wahnsinnig schlecht: Rechnen. KI kann nicht rechnen. Es berechnet den Durchschnitt: Was ist das wahrscheinlich nächste Wort oder der nächste Pixel. In der Modeindustrie nutzen viele KI, um schnell Skizzen zu erstellen oder einen Textentwurf. Da hat es einen Sinn.

Was ich aber unfassbar problematisch finde ist, dass die kreative Arbeit von Menschen – seien es Zeichnungen, Bilder oder Texte – einfach so mal gescraped wurden und in eine KI geworfen werden, womit dann andere Leute Kunstwerke erstellen können, ohne Copyright zu zahlen. Damit zerstört KI gerade sehr viele Arbeitsplätze.

Mich wundert auch, warum so wenig über den Energie-Verbrauch gesprochen wird. Eine Abfrage braucht viel Strom. Überall wird einem KI aufgedrückt – ob man es will oder nicht. Überall hört KI zu. KI erzählt einem immer, was man hören will. Es ist immer positiv. Wenn man versteht, wie KI funktioniert und hinter den Vorhang schaut, erkennt man, es ist eine nette Spielerei.

Da müssen wir in der Gesellschaft noch einige Diskussionen führen. In der Zwischenzeit vertraue ich eher darauf, dass Menschen gute Lösungen finden, wenn sie zusammenarbeiten, und ihre eigene kreative Energie nutzen.

Foto: kda Bayern

Interview: Hanna Kaltenhäuser, wissenschaftliche Referentin, kda Bayern

Digitalisierung, Wandel der Arbeitswelt

Meldungsarchiv

Vorheriger Beitrag
Sommer – Sonne(nblumen) – Hoffnung. Mittwochsandacht
Nächster Beitrag
„Meine letzte Würde wollte ich nicht abgeben“ – Jürgen Schneider, Träger des Bundesverdienstkreuzes, ehemals wohnungslos

Ähnliche Beiträge