Portrait: Dienstags im Dekanat

„Immerhin war ich von 17 bis 62 berufstätig“, sagt Gudrun*.  Knapp 45 Jahre hat sie gearbeitet, bis sie in Rente ging, etwas früher wegen einer Schwerbehinderung. Trotzdem ist Gudrun wieder im Einsatz auf ihrem alten Arbeitsplatz. Drei Stunden am Dienstag der Minijob im Dekanatsbüro: Post erledigen, Auskünfte am Telefon geben und „was halt so rein kommt“. Diese Routinen beherrscht sie „aus dem FF“ und den Kontakt mit den Kolleginnen genießt sie auch.

Geboren und aufgewachsen ist Gudrun in Görlitz. Dort war sie tätig als kirchlich/- diakonische Fachkraft für Wirtschaft und Verwaltung. Bei einem kirchlichen Treffen in Ostberlin lernte sie einen jungen Mann aus dem „Westen“ kennen und lieben, beantragte die Ausreise und verließ die DDR im Jahr 1984. Zunächst arbeitslos – ihre Ausbildung wurde in der BRD nicht anerkannt – ging sie „als Ungelernte“ in die Industrie und lötete am Fließband Elektronikteile. Nach der Geburt ihres ersten Kindes kündiget sie in der Fabrik und bewarb sich beim Dekanat. Seit 1989 ist sie dort im Büro am PC beschäftigt.

Was sie einmal in der Rente machen wird – darüber hat sie sich lange Zeit gar keine Gedanken gemacht. Dass sie sogar nach dem Eintritt in den Ruhestand noch erwerbstätig sein könnte, wäre ihr früher nicht in den Sinn gekommen. Jetzt gibt ihr der Mini-Job den Wochenrhythmus vor, sie kriegt noch mit, was so läuft im Dekanat und hat Kontakt mit ihren Kolleginnen.

„Ich bin nicht ganz abgeschnitten von der Arbeitswelt und kann trotzdem sehr flexibel meine Freizeit nutzen an sechs Tagen in der Woche“, sagt Gudrun.

Dann fährt sie eben von Mittwoch bis Montag ihr Enkelkind oder ihren über 90jährigen Vater besuchen.

„Ich bin viel unterwegs und nicht so viel zuhause“ sagt Gudrun und das passt auch für ihre Beziehung: Der Lebenspartner arbeitet noch in Vollzeit. Auch ehrenamtlich engagiert sie sich vielfältig. Sie ist Frauenbeauftragte im Dekanat, trägt den Gemeindebrief aus und hilft beim Kirchkaffee. Mal in Gremien mitarbeiten, mal Kuchen backen: Gudrun ist, wo sie eben gebraucht wird.

„Ich kann noch was und bin leistungsfähig“,

freut sich Gudrun und fühlt sich bei den vielfältigen Arbeiten im Büro sicher. Dort erfährt sie auch Wertschätzung und genießt die Zusammenarbeit im Team. Ihr Alter merkt sie vor allem dann, wenn es um Veränderungen am PC geht. „Das kostete Zeit und Nerven, wenn es nicht so funktioniert, wie ich gewohnt war“, seufzt sie. Da helfen dann die Kolleginnen. Dafür kennt sie die Abläufe und viele Menschen aus dem Dekanat. „Da gibt es welche, die rufen auch an, um ihr Herz auszuschütten und freuen sich, wenn ich am Telefon bin“.

*Name von der Redaktion geändert
Bild: Symbolbild via Canva

Dieses Portrait ist Teil der Reihe „Zurück aus der Rente“. Weitere Beiträge daraus finden Sie unter:

Rente, Frauen, Ruhestand

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