Schöne neue Arbeitszeiten?

HANNOVER. Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Und wie lässt sich das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Anforderungen und den Bedürfnissen von Beschäftigten arbeitszeitpolitisch gestalten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des kda/KWA-Fach-Nach-Mittags am 15. April 2026 in Hannover. Vertreter*innen aus Kirche, Wirtschaft, Handwerk, Gewerkschaften und Wissenschaft kamen miteinander ins Gespräch.

Weniger arbeiten – besser leben?

Den Auftakt machte die Soziologin Margareta Steinrücke. Sie stellte die aktuelle Debatte um Arbeitszeitverkürzung in einen größeren Zusammenhang – und widersprach deutlich der verbreiteten These, Beschäftigte arbeiteten zu wenig.

„Wenn man Menschen, die täglich enorme Arbeit leisten, Faulheit vorwirft, geht das an der Realität völlig vorbei.“ Margareta Steinrücke

Stattdessen beschrieb sie einen gesellschaftlichen Wandel: Für viele Menschen gehe es zunehmend darum, Arbeit so zu gestalten, dass neben der Erwerbsarbeit auch Zeit für Familie, Sorgearbeit, Ehrenamt und eigene Bedürfnisse bleibe.

Im Zentrum stand dabei der Begriff des „Zeitwohlstands“. Wohlstand bedeute nicht nur Einkommen, sondern auch verfügbare Zeit.

„Wir brauchen mehr Zeit für das, was wirklich wichtig ist – für Sorgearbeit, für andere Menschen, aber auch für uns selbst.“ Margareta Steinrücke

Zugleich machte sie deutlich, dass kürzere Arbeitszeiten nicht nur die Lebensqualität verbesserten, sondern auch gesundheitlich sinnvoll seien und langfristig zur Fachkräftesicherung beitragen könnten. Entscheidend sei, Arbeitszeit gesundheitsgerecht, vereinbarkeitsgerecht und mitbestimmt zu gestalten.

Vier Tage arbeiten – und was sich verändert

Wie sich Arbeitszeit konkret verändern lässt, zeigte Rocco Funke, Geschäftsführer eines Handwerksbetriebs aus Thüringen. Er berichtete von der Einführung einer Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich.

Sein Ausgangspunkt war persönlich: der Wunsch, mehr Zeit für die Familie zu haben.

„Meine Tochter hat sich nicht ein iPad gewünscht – sie hat sich Zeit gewünscht. Und die konnte ich ihr nicht geben.“ Rocco Funke

Daraus entwickelte sich ein grundlegender Veränderungsprozess im Unternehmen. Im Mittelpunkt standen Vertrauen, Beteiligung und eine neue Art der Zusammenarbeit.

„Es geht nicht um die Vier-Tage-Woche. Es geht darum, wie wir miteinander arbeiten.“ Rocco Funke

Mitarbeitende wurden stärker einbezogen, Prozesse gemeinsam überarbeitet und Verantwortung neu verteilt. Das Ergebnis: weniger Krankheitsausfälle, höhere Motivation und steigende Produktivität.

„Ich habe heute keine Arbeitnehmer mehr – ich habe Mitarbeiter.“
Rocco Funke

Gleichzeitig betonte Funke, dass die Vier-Tage-Woche kein allgemeines Erfolgsmodell sei. Sie funktioniere nur, wenn Betriebe bereit seien, ihre Strukturen und ihre Führungskultur zu verändern.

Zwischen Flexibilität und Schutz: das Arbeitszeitgesetz im Fokus

Im Podiumsgespräch rückte anschließend die Debatte um eine mögliche Reform des Arbeitszeitgesetzes in den Mittelpunkt. Diskutiert wurde mit Margareta SteinrückeDr. Ernesto Harder (DGB-Bezirksleiter Niedersachsen, Bremen, Sachsen-Anhalt) und Gudrun Nolte, Vorsitzende des KWA. Moderiert wurde das Gespräch von Nina Golf (kda Bayern).

Im Zentrum stand die Frage, ob die geplanten politischen Vorhaben tatsächlich mehr Freiheit schaffen – oder ob sie vor allem bestehende Schutzstandards für Beschäftigte absenken würden.

Ein zentrales Thema war die mögliche Abkehr vom Achtstundentag zugunsten einer reinen Wochenhöchstarbeitszeit.

In der Diskussion wurde deutlich, dass viele der derzeit vorgetragenen Flexibilisierungsforderungen kritisch gesehen werden. Aus gewerkschaftlicher wie wissenschaftlicher Perspektive wurde betont, dass das bestehende Arbeitszeitgesetz (ArbZG) bereits erhebliche Spielräume eröffnet, auch aufgrund von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen, und viele betriebliche Anforderungen abbilden kann. Weitere Deregulierungen könnten dagegen zulasten von Gesundheit, Planbarkeit und Vereinbarkeit gehen – insbesondere dort, wo Beschäftigte wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten haben.

Dr. Ernesto Harder ordnete die aktuelle Debatte deutlich ein:

„Wir arbeiten quantitativ so viel wie noch nie – die Debatte, wir würden zu wenig arbeiten, geht an der Realität vorbei.“ 

Margareta Steinrücke unterstrich aus wissenschaftlicher Perspektive die gesundheitlichen Risiken:

„Arbeitszeiten über acht Stunden führen zu deutlich höheren gesundheitlichen Belastungen.“

Gudrun Nolte brachte die Perspektive des KWA in die Diskussion ein und setzte einen eigenen Akzent:

„Die Zeit gehört dem Menschen – und er sollte möglichst selbstbestimmt darüber entscheiden können.

Sie machte deutlich, dass Arbeitszeit nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden dürfe, sondern immer auch Lebenszeit sei. Sie brauche Räume, die nicht von ökonomischen Interessen bestimmt werden – für Familie, Sorgearbeit, gesellschaftliches Engagement und Erholung.

Zugleich betonte sie die Bedeutung verlässlicher Rahmenbedingungen: Gute Arbeitszeitgestaltung brauche Planbarkeit und Schutz – gerade für diejenigen, die wenig Einfluss auf ihre Arbeitszeiten haben.

Erwerbsarbeitszeitfragen seien deshalb immer auch Fragen von Gerechtigkeit und Menschenwürde.

Mehr als eine Frage von Stunden

Der FACH-NACH-MITTAG hat gezeigt: Die Debatte um Arbeitszeit ist weit mehr als eine Frage von Stundenmodellen oder gesetzlichen Regelungen. Sie berührt grundlegende Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts – und der Gestaltung eines guten Lebens für alle.

Es geht um Gesundheit, Gerechtigkeit und die Frage, wie Erwerbsarbeit und Leben zusammenpassen. Neue Arbeitszeitmodelle können Chancen bieten, wenn sie verantwortungsvoll gestaltet werden und die Lebensrealitäten der Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Raum für Austausch und Vernetzung

Neben den inhaltlichen Impulsen bot der Nachmittag vielfältige Möglichkeiten zum Austausch – in den Arbeitsgruppen, in den Pausen und beim gemeinsamen Ausklang. Gerade diese Mischung aus fachlichem Input, Diskussion und persönlicher Begegnung machte die Veranstaltung zu einem lebendigen Forum.

Nina Golf vom kda Bayern, Moderatorin des Talkgespräches, resümiert:

„Wir hatten tolle Gäste! Wir haben für den Fachtag bewusst ein Format gewählt, dass die Expertise der Gäste in den Vordergrund bringt, eine differenzierte Argumentation zulässt und damit neue Räume öffnet zum Weiterdenken, Diskutieren und auch zur politischen Positionsbestimmung.“

Der KWA wird die Diskussion um Arbeitszeit auch künftig weiter begleiten und Impulse in Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft einbringen.

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