NÜRNBERG. Seit 20 Jahren ist die Bauwagenkirche für den kda Bayern im Einsatz. Über 50-mal war die fahrbare Kapelle vor Ort bei Betriebskrisen, Kirchentagen oder beim Demo-Zug am 1. Mai. Entstanden in der Region Oberfranken in schwierigen Zeiten, als in der Porzellan- und Textilindustrie tausende Arbeitsplätz verloren gingen, hat sie „den Menschen das Herz geöffnet und einen Platz für ihre Wut und Trauer geschaffen“, so Diakon Klaus Hubert. Der Arbeitsseelsorger hat die meisten Einsätze organisiert und durchgeführt. Unsere Kollegin Hanna Kaltenhäuser hat ihn interviewt.
Lieber Klaus, die Bauwagenkirche ist seit 20 Jahren im Einsatz. Wie ist diese besondere Kirche entstanden?
Die Bauwagenkirche ist in den Jahren 2005 /06 entstanden und hat zwei Wurzeln:
Zum einen ist sie ein kirchliches Projekt aus dem Gedanken einer „Kirche vor Ort“. Dieser Prozess in der bayerischen Landeskirche hat gefragt: Wie wirkt die Kirche von der Basis her für die Kommunen und für die Menschen vor Ort, zum Beispiel in der Arbeitswelt?
Zum anderen hat diese Kirche auf Rädern ihren Ursprung in der Wirtschaft- und Industriegeschichte der Region Oberfranken. Sie ist zu einer Zeit entstanden als Porzellan- und Textilindustrie dort massiv weggebrochen sind. Tausende Arbeitsplätze gingen damals verloren.
Menschen haben sich dort überlegt: „Was hat uns geholfen, diese Krise zu bewältigen, damit klar zu kommen, nach 20, 30 oder 40 Jahren den Arbeitsplatz zu verlieren?“
Sie haben einen Ort der Solidarität gesucht, wo sie sich austauschen können, wo ihre Wut und Trauer einen Platz hat.
Im Umfeld von Kirchengemeinden, der Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (afa) und dem kda vor Ort ist diese Bauwagenkirche entstanden. In der Werkstatt des Kommunalen Bauhofleiters von Waldershof und damaligen afa Landesvorsitzenden Karlheinz Seidel wurde während über 1000 ehrenamtlicher Arbeitsstunden der Bauwagen umgebaut und gestaltet.
Es haben auch Menschen mitgewirkt, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und sie haben einen neuen Platz geschaffen, eine Arche, einen geschützten Raum.
Was ist für dich besonders an der „Kirche auf Rädern“?

Das Besondere an der Bauwagenkirche ist für mich: Sie ist ein Gesamtkunstwerk und es stecken viele handwerkliche Finessen drin, zum Beispiel die Farbgebung außen, die in Kirchen-Farben gestaltet ist – violett, gelb und mintgrün. Da hat sich Karl-Heinz Seidel vom Gesangsbuch inspirieren lassen. Oder das Kreuz aus Briketts – ein Hinweis auf den Kohle-Bergbau in der Region und zugleich auf „Arbeit ist Gottesdienst“.
Es ist eine (er)fahrbare Kapelle, ein mobiler sakraler Raum, in dem das Lesepult gleichzeitig Altar ist.
Die alten Kirchenbänke, die an der Seite stehen, wurden auf dem Dachboden der Wehrkirche in Marktredwitz gefunden. Diese Kirchengemeinde ist auch der formale Träger und Besitzer der Bauwagenkirche. In den Details steckt viel handwerkliche Liebe drin. Für mich ist sie Zeugnis der Liebe Gottes und Zeichen seiner Zuwendung an die Menschen gerade in Krisen-Situationen.
Besonders ist auch: Der Bauwagen war ein Wrack und sollte verschrottet werden. Aber es kam anders und alles wurde mit der Zeit erneuert. Es wurde auch ein sogenanntes Tandem-Gestell für LKW-Anhänger darunter gebaut. Man kann sie mit 80 km/h mobil im besten Sinne bewegen und sie war „Blaupause“ und Inspriration für andere mobile Kirchenprojekte in und auch außerhalb Bayerns – ganz besonders für die sogenannte Schäferwagenkirchen.
Du hast einen besonderen Bezug zur Bauwagenkirche. Wie kommt das?
Ich habe die Bauwagenkirche bei ihrer Vorstellung während der Synode im März 2006 in Bad Alexandersbad erlebt. Von Anfang an hat mich dieser geschützte Raum in Beschlag genommen. Hier kann man zu sich selbst kommen und in guter Weise ins Gespräch kommen – in der Gemeinschaft mit anderen und auch mit Gott.
Für mich war es eine wesentliche Motivation, beim kda zu arbeiten, dass ich Zugang zu dieser Kirche hatte. Die Bauwagenkirche hat mir die afa, den kda und das Eintreten für Menschen in der Arbeitswelt ins Bewusstsein geholt.
Klaus, du hast die Bauwagenkirche des kda über viele Jahre betreut und zum Einsatz gebracht. Da ging es auch um technische Wartung und Logistik.
Als ich 2011 die afa-Geschäftsführung übernommen habe, war die Bauwagenkirche in den Einsätzen auf die Region Nordostoberbayern z.B. bei der Landesgartenschau in Marktredwitz beschränkt. Ihr letzter großer Einsatz war im Jahr 2009 bei der Quelle-Schließung gewesen. Ab 2012 habe ich dann angefangen, die Kirche einzusetzen, beginnend mit der „Nacht der offenen Kirchen“ in Würzburg. Das Hauptproblem ist der Transport. Sie hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 2,5 Tonnen.
Wenn man die mit dem Auto zieht, ist das wie ein Scheunentor, aber ich habe mich da rein gearbeitet.
Wir mussten dann Zugfahrzeuge mieten, die technisch und rechtlich in der Lage waren, das Fahrzeug zu ziehen. Ich habe viel Zeit mit der Bauwagenkirche verbracht und die ganze Familie mit eingespannt. Von 2012 bis 2025 gab es 49 Einsätze. Ich bin froh und dankbar, dass es so gut gelaufen ist ohne gravierende Unfälle!
Neben mir hat der afa-Freund Wigbert Baumann den Transport übernommen. Für ihn ist es immer noch „die schnellste Kirche Deutschlands“. Bis 2016 war die Kirche in Marktredwitz auf dem Bauhof stationiert – dann ist sie auf dem Gebrauchtwarenhof in Fürth-Bislohe gewandert. In Ansbach hat eine Werkstätte (bis zu deren Schließung Ende 2022) sie technisch betreut und die regelmäßige Wartung inklusive TÜV übernommen.
Welche Einsätze hast du in besonderer Erinnerung?
Eigentlich alle, weil jeder besonders war. Nicht nur bei der „Nacht der offenen Kirchen“ in Würzburg war der Einsatz immer ein gutes Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichkeit mit ökumenischer Dimension. Wir haben dort immer mit Kollegen der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) oder der katholischen Betriebsseelsorge agiert. Bei kirchlichen Festen wie dem Bayerischen Kirchentag auf dem Hesselberg gab es Einsätze oder auch zum 1. Mai in München auf dem Marienplatz, wo uns die Gewerkschaften eingeladen haben.
Gerade bei solchen Anlässen, wenn touristische Gruppen und Menschen aus verschiedenen Kontexten vorbeikommen, kommen wir mit Menschen ins Gespräch, die mit Kirche nichts am Hut haben.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir deshalb auch der Einsatz beim Kirchentag 2023 in Nürnberg, wo unser Wunsch war: Wir wollen mit der Bauwagenkirche nicht auf das Messegelände, sondern mitten in der Stadt stehen, um alle Menschen anzusprechen.
Eine Besonderheit dort war auch die Nachbarschaft mit den Freidenkern und ihrer „religionsfreien Zone“, die den Kirchentag als solches kritisiert und in Frage gestellt haben. Das war eine nicht ganz einfache Situation, aber am Ende kam der Leiter dieses Standes zu uns an die Bauwagenkirche und hat sich für die die gute Nachbarschaft bedankt.
Welche Möglichkeiten zum Gespräch eröffnet so eine „Kirche vor Ort“?
Ich habe wahrgenommen, dass die Bauwagenkirche den Menschen das Herz öffnet.
Für viele ist dieses fahrbare „Kirchlein“ ein Sinnbild für ihre berechtigten Erwartungen an Kirche:
„So wie diese Kirche ist, so wünschen wir uns Kirche: schlicht, warm, einladend, nah am Menschen, immer da, wo sie gebraucht wird.“
Auch für Menschen, die sich von der Kirche entfernt haben oder die anders religiös geprägt waren, signalisiert der bunte Bauwagen:
Die Kirche an der Basis ist kreativ und hat Ideen für die Zukunft. Da kommt farbige Vielfalt zum Ausdruck, ein glaubhaftes Zeugnis für den „Sauerteig- Auftrag“, den wir als Christen haben. Als kda bewegen wir uns sehr oft im säkularen Raum und haben mit Menschen zu tun, die keine Kirchenmitglieder sind oder den christlichen Glauben teilen.
Wie waren die Reaktionen, wenn ihr mit der Bauwagenkirche bei Betriebskrisen wart?
Betriebskrisen waren ein Anlass für den Bau und Einsatz der Bauwagenkirche. Der erste Einsatz in dieser Art erfolgte 2006 in Wunsiedel unter Organisation des damaligen Marktredwitzer kda-Sozialsekretärs Norbert Feulner wegen der Schließung der Porzellan-Firma Retsch. Dort haben wir mit der Kirche den Demo-Zug angeführt, dahinter kamen Dekan, Landrat, Oberbürgermeister und Tausende von Leuten.
Bei Krauss-Maffei-Kunststofftechnik in Treuchtlingen war die Kirche Teil eines Protest-Dorfes. Die beabsichtigte Schließung wurde von der Konzernspitze zurückgenommen. Die Reaktion in der Bevölkerung war: „Ihr habt die Betriebsschließung weg-gesungen und gebetet.“
Bei der Entlassung von über 1000 Menschen bei British-American Tobacco (BAT) in Bayreuth waren wir vor Ort. Die Kirche war mit hunderten Bildern beklebt – die hatten Kinder der betroffenen Mitarbeitenden gemalt. Sie haben ihre Wünsche und Hoffnungen an die fahrende Kapelle geheftet. Ein Großteil der Belegschaft kam aus dem Osten. Viele hatten mit Kirche nichts zu tun, aber die Reaktionen haben uns positiv überrascht.
„Gut, dass ihr da seid und euch mit uns solidarisiert“, hieß es. „Schön, dass wir einen Ort haben, wo wir unsere Befürchtungen aussprechen können und sie sichtbar werden.“
Ich habe ein unheimlich großes Vertrauen erlebt, dass uns die Menschen dort entgegengebracht haben. Den Ambo haben wir damals ausgebaut und vor die Kirche gestellt. Und alle Reden des Betriebsrats und der Gewerkschaften wurden vom Lesepult mit Kreuz gehalten.

Der kda gibt die Bauwagenkirche im Mai 2026 zurück an die Kirchengemeinde Marktredwitz. Welche Zukunftschancen siehst du für die Arbeit mit mobilen Kirchen in unserer Landeskirche?
Die Bauwagenkirche und auch andere mobile Kirchen sind für mich Sinnbild für Zukunft der Kirche: Sie wird klein sein und leuchtet in die Gesellschaft hinein, berührt Menschen und hilft ihnen, das Leben zu bewältigen.

Viele Menschen sind bei den Einsätzen mit der Erwartung auf uns zugekommen, dass wir jeden Tag mit der Kirche quer durchs Land fahren. Das ist natürlich nicht realisierbar. Dafür fehlen uns einfach die Ressourcen. Mit der Rückgabe an die Gemeinde Marktredwitz eröffnet sich ein steter Einsatz in der Region. Durch die räumliche Nähe lassen sich Einsätze leichter realisieren. Es gibt dort Überlegungen, den Einsatz der Bauwagenkirche als Konfirmanden-Projekt aufzuziehen.
Die Menschen wünschen sich eine sichtbare Kirche. Gerade aus den Rückmeldungen bei Betriebskrisen ergibt sich die Option, die Bauwagenkirche und andere mobile Kirchen nach Rücksprache mit den Akteuren vor Ort weiter einzusetzen.

Die Bauwagen-Aktionen haben in der Praxis ein gelingendes Miteinander von Ortskirche und landesweitem Dienst kda bedeutet. Ich hoffe, dass diese selbstverständliche und fruchtbare Zusammenarbeit weiter geht.
Interview: Hanna Kaltenhäuser, wissenschaftliche Referentin im kda Bayern
Bilder: kda Bayern




