„Wenn junge Menschen das ‚Warum‘ erkennen, sind sie Feuer und Flamme“ – Interview mit Sebastian Heilmann

BEILNGRIES-PAULUSHOFEN. Bei der diesjährigen Kooperationstagung des Industriemeisterverbandes und des kda Bayern ging es um die Frage: „Wie finden junge Menschen den Weg ins Berufsleben?“ Als Experte zu diesem Thema gab Sebastian Heilmann von der Evangelischen Jugend Bayern Einblicke in die Jugendarbeit. kda-Referent Philip Büttner hat ihn nach der Tagung zur „Generation Z“ befragt.

kda Bayern: Die GenZ hat in Sachen Arbeit ein eher schlechtes Image. Fleiß, Diszipliniertheit und Durchhaltewillen gehören angeblich nicht zu ihren Stärken. Sind das Vorurteile?

Sebastian Heilmann: Zum großen Teil schon. Die jungen Leute sind heute genauso am Erwerbsleben beteiligt wie früher. In der Kinder- und Jugendarbeit erlebe ich, dass sie hochengagiert sind und ihren Beitrag leisten wollen. Ein Faktor ist aber die Demografie. Dadurch, dass junge Leute heute so wenige sind, sind sie natürlich am Arbeitsmarkt auch begehrt und haben jederzeit die Möglichkeit, zu wechseln und etwas Neues zu finden. Die Notwendigkeit sich durchzubeißen ist nicht mehr so da. Mal ehrlich, wer von uns würde das nicht ausnutzen.

Wenn die jungen Menschen so gefragt sind, warum nehmen ihre psychischen Belastungen dann laut Statistik stark zu?

Die Jugendphase hat sich verändert. Es gibt viel Druck. Zum einen ist es in der individualisierten Welt mit ihren zahllosen Optionen viel schwerer geworden, den eigenen Platz zu finden. Beispielsweise gab es früher 2.000 Studiengänge, heute über 20.000 – so eine Vielfalt kann einen auch erschlagen. Zum anderen steigt die Belastung durch die vielen Krisen – Krieg, Inflation, Wohnraummangel, Corona und die Folgen. Das trifft junge Erwachsene, die ja noch in der Selbstfindungsphase ihres Lebens stecken, härter als Menschen, die bereits „gesettelt“ sind. Das sollten wir in jedem Fall ernst nehmen.

Es gibt nicht wenige, die weder in einer Ausbildung, noch in einem Job sind, nicht an der Uni und auch nicht in einem Freiwilligen Sozialen Jahr. Was ist mit denen?

Wir haben eine hohe Spreizung bei den jungen Erwachsenen: Die einen sind super ausgebildet und digital hochkompetent. Die werden ihren Weg im Leben machen, mit denen können wir die Welt verändern. Es gibt aber auch diejenigen, die die Schule nicht schaffen, nicht gut schreiben, lesen und rechnen können, keine Berufsqualifizierung machen. Ihr Anteil wird in Studien und den Erhebungen der Landesämter für Statistik auf 10 bis 20 Prozent geschätzt. Die sind zunehmend abgehängt und lassen sich auch nicht so leicht in eine Ausbildung integrieren, einfach weil teilweise Grundkompetenzen fehlen, das soziale und familiäre Umfeld schwierig ist, psychische Probleme oder Suchterkrankungen vorliegen. Auch das Aufwachsen in Armut ist ein großer Risikofaktor. Wenn junge Menschen dann in Hoffnungslosigkeit verfallen, haben wir ein großes gesellschaftliches Problem. Als Gesellschaft sollten wir schon im Schulsystem darauf achten, weniger Kinder zu verlieren, sie intensiver zu fördern und zu begleiten – aber auch die Arbeit an den Rahmenbedingungen von Armutsbekämpfung bis Familienhilfe sind hier extrem wichtig.

Was lässt sich nach Ende der Schulzeit noch tun?

Wir müssen mehr Initiativen wagen, rausgehen und gemeinsam mit jungen Menschen Perspektiven entwickeln. Wo sind die Orte, an denen sie gebraucht werden? Die Evangelische Jugendsozialarbeit macht da ganz gezielte Angebote, etwa Jobcoaching, oder berufsvorbereitende Maßnahmen. Das ist aufwändig, aber lohnt sich. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, so viele zu verlieren. Meine Erfahrung ist: Wenn junge Menschen das „Warum“ einer Aufgabe erkennen, sind sie Feuer und Flamme. Sie brauchen Erfolgserlebnisse, Selbstwirksamkeit. Das schlummert in jedem, man muss es nur herauskitzeln.

Foto: kda Bayern

Arbeitslosigkeit, Alter, Arbeitnehmende, Wandel der Arbeitswelt, Ethik, Handwerk, Leistungsdruck

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