„…dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

Andacht zu 1 Kor 13,12 gehalten am Ende der Tutzing-Tagung am 27.Mai 2020

Hätten wir uns, wie geplant, für zwei Tage in Tutzing getroffen, dann hätten wir dieses Wort des Apostel Paulus aus dem 1.Korintherbrief in der kleinen Kapelle der evangelischen Akademie am Starnberger See gehört. Jetzt hören wir es verbunden über Kupfer- und Glasfaserleitungen, über Server und Serverknoten. Hören nur wir es oder hört jemand mit? Und wenn ja, stört es uns eigentlich? Geben wir etwas preis und wenn ja, was geben wir preis, wenn wir solche Worte doch nur hören? „…dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

In unserem Land erscheinen solche Fragen bedenkenswert, etwa im Rahmen einer Akademie-Tagung. In anderen Ländern können die Antworten auf solche Fragen ins Gefängnis weisen. Religionsfreiheit ist nicht überall auf dieser Welt ein Menschenrecht, so wie das Recht auf den Schutz der eigenen Daten. Wer ein Bibelwort hört, kann sich daher verdächtig, sogar strafbar machen.
Aber wird es so bleiben, dass solche Fragen auch in unserem Land nur bedenkenswert bleiben? Heute haben wir Auszüge aus dem Buch „The Circle“ gehört. „Totale Transparenz“ ist ein zentrales Thema in dieser Geschichte. Ist sie Freiheit oder ist sie Unterdrückung? Schafft sie Vertrauen oder Terror? „The Circle“ wirft diese Fragen auf.

Auch Paulus tut dies, aber anders. „…dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Wenn er dies schreibt, schreibt er von totaler Transparenz, Transparenz zwischen Gott und Mensch. Auf Erden gibt es sie nicht, so Paulus. Nur punktuell und vorläufig erkennen wir Menschen etwas von Gott. Und doch beantwortet Paulus eine Frage ganz klar: Was totale Transparenz zwischen Gott und Mensch ist. Es ist Liebe. Liebe, die gegenseitiges Erkennen ist.

Hierin unterscheidet sich die totale Transparenz, die Paulus so verheißungsvoll beschreibt, von der totalen Transparenz, die wir Menschen uns erschaffen. Wenn wir fragen: Ist sie Freiheit oder ist sie Unterdrückung? Schafft sie Vertrauen oder Terror?, dann beschreiben wir präzise, dass es bei uns in beide Richtungen gehen kann, wenn wir Transparenz schaffen.
Denn wenn wir Transparenz schaffen, wird sichtbar, wer wir sind, mit all unseren Ambivalenzen, die uns selbst nicht immer transparent sind. Dann stehen wir da mit der Frage, ob wirklich alles an uns für andere liebenswert ist.
Wenn wir Transparenz für einen guten Zweck nutzen wollen, heißt das noch lange nicht, dass dies zum guten Ende führt. Dann stehen wir da mit der Frage, wie uns dies misslingen konnte – eine Frage, die nicht selten in Selbstverurteilung, ja Selbsthass endet.
Und wenn wir Transparenz preisen als Mittel, dunkle Machenschaften aufzudecken, so wissen wir zugleich, dass sie ein machtvolles Mittel zur Kontrolle und Verzweckung anderer sein kann, wenn man diese anderen aushorcht und dabei selbst im Verborgenen zu bleiben versteht. Und wir wissen, dass Kontrolle und Verzweckung anderer sich eben nicht mit Liebe zusammenreimen.

Wenn wir Paulus‘ Wort ernstnehmen, wird jedoch eines deutlich: diese Transparenz, die wir Menschen schaffen, ist eben nicht total, sondern nur relativ, relativ zu den Zwecken und Interessen, den Bedürfnissen und Ängsten derer, die sie einsetzen und nutzen. Relativ aber auch in ihrer Dauer, weil diese Transparenz am Ende nicht bleibt.
Am Ende, in der totalen Transparenz mit und in Gott, bleibt eben die Liebe. Liebe, die gegenseitiges Erkennen ist. Ein Erkennen, das unsere Ambivalenzen beherbergt. Ein Erkennen, das immer gut ist, am Anfang wie am Ende. Ein Erkennen, das keiner Kontrolle bedarf und keinen Zweck hat außer die Liebe selbst.
Mögen wir auf diese Transparenz hoffen, heute und alle Tage, und möge Gott uns diese Transparenz immer wieder erfahren lassen. So begleite euch Gottes Segen und Liebe auf euren Wegen. Amen.

Autor: Pfarrer Peter Lysy, kda Bayern

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