Gemeinschaft 4.0 – Was bringt uns heute zusammen?

Predigt beim Jahresauftaktgottesdienst des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU München/Bayern) in der Münchner St. Markuskirche am 24.1.2019

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen

Das ist es, liebe Schwestern und Brüder, was uns heute hier zusammengebracht hat: die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Der dreieinige Gott hat es heute bereits geschafft aus uns grundverschiedenen Menschen mit unseren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und manchen möglicherweise sogar gegensätzlichen Interessen eine richtige Gemeinschaft zu machen. Er vermochte es, aus in unterschiedlichen Lebenswelten verorteten Einzelpersönlichkeiten eine Gemeinschaft am selben Tisch des Herrn und unter demselben Wort vom Kreuz zu machen. Mehr Gemeinschaft geht doch gar nicht, als dass Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit von demselben Brot essen, aus demselben Kelch trinken und auf dasselbe Wort hören. Wo geschieht das sonst? Der Dank an unseren Schöpfer, der uns und unseren Lieben das Leben geschenkt hat, sowie die Hoffnung, dass er auch in diesem neuen Jahr uns mit seinem Segen begleiten und beschirmen werde, das ist es doch bei uns allen, was uns hier und heute in der Markuskirche zusammengeführt hat. Danke, lieber himmlischer Vater, dass ich heute hier sein darf und danke, dass diese anderen wohlmeinenden Menschen um mich herum auch mit mir da sind!

Vom dreieinigen Gott zu einer Gemeinschaft zusammengefügt, die wir Menschen gar nicht hätten stiften können, sprechen wir aus, was uns umtreibt, weil es unseren Gemeinsinn herausfordert und unseren Gemeinschaftsgeist auf eine harte Probe stellt: Ich spreche von der Notwendigkeit der Integration von bisher Fremden als Mitbürgerinnen und Mitbürger in dieser unserer Bürgergemeinschaft. Die Globalisierung von Wirtschaftsbezügen wirkt sich jetzt ganz konkret in meiner, in unserer Nachbarschaft aus. Viele Geflüchtete sind nicht auf der Durchreise, sondern suchen aus den unterschiedlichsten Gründen bei uns eine neue Heimat. Sie sind anders als wir. Manche sind befremdlich anders, das betrifft ihre Religion, ihre Sprachen und ihre Lebensgewohnheiten. Aber sie sind auch wieder gleich wie wir, nämlich, wie wir sind sie Geschöpfe ein und desselben Gottes, der uns gebietet, dass wir uns ihnen gegenüber entsprechend verhalten. Die Schriften des Alten und des Neuen Testaments stimmen darin unüberhörbar überein, dass Fremde nicht zu unterdrücken, Notleidende nicht abzuweisen sind und dass christliche Gemeinschaft grundsätzlich immer eine für andere offene Gemeinschaft ist.

Und weil eine Herausforderung mit schwer lösbaren Problemen anscheinend noch nicht genug ist, befinden wir uns zusätzlich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess unserer Wirtschafts- und Arbeitsweise, welche Digitalisierung bzw. Arbeit 4.0 genannt wird. Vermutlich geht es mir genauso oder ähnlich wie jedem anderen in diesem Raum, dass meine heutige Arbeitspraxis mit der vor einigen Jahren von mir praktizierten Arbeitsweise nur noch wenig zu tun hat. Das Internet als Zwischenraum zwischen Himmel und Erde ist als zusätzliche Arbeitsebene hinzugekommen und neue elektronische Arbeitsmittel sind mir zugewachsen, die mir helfen und die mich zugleich plagen. Bei unseren Betriebsbesuchen als kda-Mitarbeitende sind wir inzwischen zunehmend den neuen Kollegen „Roboter“ begegnet und fragen uns, was sich die künstliche Intelligenz noch alles für uns einfallen lässt. Eine faszinierende Welt tut sich einem auf, wenn man sich einmal vor Augen führen lässt, welche Inflation von Innovationen noch zu erwarten ist. Sehr viel wird nicht so bleiben wie es war und wie wir das Arbeitsleben bisher kannten. Die Arbeit war doch immer selbstverständlicher Ausdruck des Menschen gewesen, so lehrte es schon die Bibel. Demnächst arbeiten Roboter zusätzlich mit, die nicht wie bisher brav hinter Zäunen bleiben, sondern eigenständig in der Werkshalle unterwegs sind. Werden wir all das Neue, das die Digitalisierung mit sich bringt, lebensdienlich verkraften können? Oder werden Menschen wie beim Turmbau zu Babel der Hybris und dem Innovationsfieber verfallen? Werden sich die Belegschaften der Betriebe in unserem Land aufspalten in Digitalisierungsgewinner und Digitalisierungsverlierer? Werden wir uns im Blick auf die neuen Technologien aufspalten in die Schnellen und die Langsamen und zu welcher Gruppe werden wir selbst, werde ich, gehören? Wo bleiben die vielen Menschen, die dem Tempo der Veränderungen nicht entsprechen können und deshalb womöglich nicht mehr gebraucht werden? Wird es dann eine Gemeinschaft geben, die sie trägt?

Das Jahresthema des Münchner Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer spricht treffsicher einen zentralen politischen, arbeitsweltlichen und geistlichen Themenkreis an, der uns alle zutiefst betrifft: „Gemeinschaft 4.0 – Was bringt uns heute zusammen?“ Ich verstehe diese Themensetzung nicht zuletzt auch als Frage an mich als den Prediger Ihres Jahresauftaktgottesdienstes. Und wenn Sie mich schon so fragen: Die Gemeinschaft, die wir in unserer Zeit des Umbruchs brauchen, ist nicht einlinig oder einförmig zu verstehen, sondern umfasst vier Dimensionen:

1.0 Wir sind eine Gemeinschaft auf gutem Grund.
Ich erinnere uns an unsere Taufe. Da haben wir die Gnade unseres Herrn Jesus Christus bereits zugesprochen bekommen. Dies geschah, bevor zu ersehen war, dass wir einmal erfolgreich Prüfungen bestehen und im Arbeitsleben eine verantwortliche Stellung einnehmen sollten. Und es ist auch unabhängig davon gültig. Unsere Taufe kann und soll nicht rückgängig gemacht werden, auch wenn es uns in unserem Leben nicht immer gelingen wird entsprechend dem Worte Gottes zu leben. Das Wasser der Taufe fügte uns ein in den Rhythmus des Werdens und Vergehens, der bei Gott seinen Ausgang und in ihm sein Ziel hat. Vieles im Leben ändert sich. Unsere Taufe bleibt. Durch unsere Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes gehören wir und die anderen, einschließlich der befremdlich Anderen, zur Gemeinschaft am Tisch des Herrn. Er selbst lädt uns dazu ein mit Anderen Brot und Wein zu teilen. Elementare Nahrungsmittel sind das, die wir alle unbedingt zum Leben brauchen, so sehr wie die Gemeinschaft, die der Herr Christus selbst unter uns stiftet. Wenn das Abendmahl meine Veranstaltung wäre: Ich würde nur meine Freunde einladen. Aber das Abendmahl ist Sein Mahl und Er lädt alle ein!

2.0 Wir sind eine Gemeinschaft in der Zeit
Gott schenkt uns Zeit. Er schenkt uns die vor uns liegende Zeit des neuen Jahres. Aber er bleibt dabei der Herr der Zeit. Als christliche Gemeinde sind wir Gemeinschaft in der Zeit. Gott schenkt uns unsere Zeit, aber er begrenzt sie auch. Das eine ist eine schöne, das andere häufig eine schmerzliche Erfahrung. Beides erfahren wir täglich in unserem Arbeitsleben. Da erleben wir die fröhliche Unbefangenheit neuer Mitarbeitender. Und wir erleben den Schmerz des Loslassens bei manchen älteren Kollegen. Eine Gemeinschaft auf Zeit hat manchmal eine gute Zeit miteinander und immer wieder gerät uns gemeinsame Zeit auch zur bösen Zeit. Es wäre weltfremd, wenn wir die Gemeinschaft als Ideal wie in Jugendgruppenzeiten verherrlichen würden. Vielmehr entspricht es doch unserer Lebenserfahrung, dass alle menschliche Gemeinschaft immer in der Spannung zwischen Lust und Frust gelebt wird. Ganz besonders gilt dies von Arbeitsgemeinschaften, die stets durch menschlichen Gestaltungs- und Wettbewerbstrieb angefochtene Gemeinschaften sind und sein werden. Wir werden diese Spannung in diesem Leben nicht aufheben und lösen können, aber wir können die Zeit und die Begegnungen des neuen Jahres Gott anvertrauen, so wie der schwäbische Dichter Eduard Mörike dies tat: „In ihm sei’s begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezelten des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“

3.0 Gemeinschaft in der Welt
Vor ziemlich genau zwei Jahren hat bei dem Jahresanfangsgottesdienst des AEU der vor kurzem schmerzlich früh verstorbene Oberkirchenrat, unser Freund und Bruder, Helmut Völkel in seiner Predigt an Martin Luthers Rede von der Arbeit als Beruf erinnert: Unsere Arbeit ist nicht einfach eine Beschäftigung, sondern sie wird zu unserer Berufung, wenn wir unser Tätigsein als Dienst am Nächsten leben und verstehen. Unseren Glauben gilt es in dieser Welt zu leben, die häufig nicht so ist, wie wir sie uns wünschen. Unser Gottesdienst findet, wenn wir uns am Apostel Paulus orientieren, sofort nach dem Segen im Alltag dieser Welt seine lebenspraktische Fortsetzung. Also: Keine Weltflucht, sondern in dieser Welt einschließlich natürlich der Arbeitswelt, wo auch sonst als in der Welt, da lebe deinen Glauben und diene mit deiner Berufsausübung deinem Nächsten! Bei unserem Arbeitseinsatz wünschen wir uns natürlich Erfolg. Dieser dabei erzielte Arbeitserfolg ist immer eine Gemeinschaftsleistung. Wirtschaft ist Kooperation – wem sag ich das! Die Kapitalbeschaffung scheint mir beim unternehmerischen Handeln häufig die leichtere Übung zu sein. Aber die richtigen Mitarbeitenden mit den benötigten Fähigkeiten zu bekommen, die dann in sachdienlicher Weise kreativ zusammenarbeiten aller Verschiedenheit zum Trotz ist doch immer wieder neu ein kleines Wunder. Die Bibel lehrt uns, dass es zum Wesen des Menschen gehört zu arbeiten und durch eigene Arbeit sich selbst und die Seinen zu ernähren. Dies alles gilt auch für Menschen, die nicht digitale Genies sind, die eine von den Anforderungen her einfache Arbeit brauchen. Wir werden als Christen und Christinnen doch um Gottes willen alles dafür tun, dass alle, die arbeiten wollen, dies auch künftig tun können und dass alle ehrliche Arbeit immer einen gerechten Lohn wert sein möge, um ein auskömmliches Leben führen zu können!
Von daher werden Sie Verständnis dafür haben, dass die Mitarbeitenden des kda arbeitsweltliche Zusammenhänge immer zunächst aus der Perspektive der Schwächeren im Wirtschaftsleben betrachten, welche häufig, nicht immer die lohnabhängig beschäftigten Menschen sind, weil wir so dazu beitragen wollen, dass alle gute Arbeit und ein gelingendes Leben haben.

4.0 Gemeinschaft als Sendungsgemeinschaft
In diesem Gottesdienst dürfen wir uns stärken lassen mit der Erinnerung an unsere Taufe bei der das entscheidende Wort über unser Leben schon gesprochen wurde: Gnade. Wir vergewissern uns gemeinsam der Gemeinschaft, zu der wir gehören. Das Band, das uns unsichtbar verbindet, ist vom Heiligen Geist selbst geknüpft und es ist die Liebe Gottes. Der Erfüllung dieser Liebe Gottes werden wir in diesem Leben nur unzureichend teilhaftig. Aber wir haben eine Verheißung, die über unser irdisches Leben hinausreicht. Weil wir eine Gemeinschaft sind, werden wir die Güter, die uns anvertraut sind, auch denen zugänglich machen, die nicht überreich mit Gütern gesegnet sind. Gemeinschaftsmenschen teilen! Und, obwohl wir teilen, werden wir nicht arm werden, weil wir einander, weil wir die Gemeinschaft 4.0 haben, welche die Digitalisierung transformiert und transzendiert. Unsere Gemeinschaft als Christen ist eine Weggemeinschaft. Gemeinsam und nicht allein sind wir unterwegs durch das neue Jahr. Mit uns ist über unsere sichtbare Gemeinschaft hinaus einer unterwegs, nicht sichtbar, aber manchmal z.B. heute sinnlich spürbar und erfahrbar: Jesus Christus – er ist das Haupt, das Zentrum, der Stifter und der Verbindende unserer Gemeinschaft. Christusgemeinschaft ist dabei immer sofort Sendungsgemeinschaft. Heute werden wir erneut gesegnet und gesandt in unsere Welt der Arbeit, des Berufs, zu unseren Familien und unseren Kollegen. Als Gesegnete können wir ihnen zum Segen werden und werden dabei selbst erfahren: die Gemeinschaft des Herrn ist noch sehr viel größer, umfassender, tragfähiger und tiefer als wir bisher ahnten. Amen

Autor: Pfarrer Dr. Johannes Rehm, Leiter kda Bayern

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