Vergesst die Gastfreundschaft nicht

Andacht zu Hebräer 13,2 gehalten im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU)

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Geliebte AEU-Gemeinde,
mich hat dieses Verslein, das der Monatsspruch des aktuellen Monats Juni ist, doch gleich sehr berührt – vielleicht auch, weil seit dem September 2015 in unserem Land so unterschiedlich über Gastfreundschaft nachgedacht und insbesondere öffentlich gesprochen wird. Vielleicht auch, weil dieses unterschiedliche Nachdenken und Sprechen auch unter Christinnen und Christen zu großen Verunsicherungen geführt hat.
Welches Maß an Gastfreundschaft ist richtig – oder gar: wieviel Gastfreundschaft können und dürfen wir uns denn überhaupt leisten? Was, wenn unsere Gastfreundschaft ausgenutzt wird?
Was, wenn wir uns Leute in unser Haus holen, die alles durcheinander bringen, weil sie unsere Hausregeln nicht kennen, mutwillig ignorieren oder selbst die Regeln in unserem Haus festlegen wollen?
Mit der in diesen Fragen tiefsitzenden Verunsicherung sind wir in unserer Situation vielleicht denen, an die dieses Verslein gerichtet ist, viel näher, als wir es uns vorstellen können.
Denn der Hebräerbrief spricht eine verunsicherte Gemeinde an, eine Gemeinde, die auf dem irdischen Weg zum himmlischen Jerusalem schlapp zu machen droht, die den Glauben zu verlieren scheint, dass der Weg sich lohnt, der die Hoffnung abhandenkommt, dass sie jemals im himmlischen Jerusalem ankommen mögen – und die sich daher im Hier und Jetzt einzurichten beginnt, als ob die Welt ihre Heimstatt wäre und sie doch nicht lediglich – Achtung! – selbst bloß für einige Zeit Gäste auf dieser Erde sind.
Wie aber begegnet der Verfasser des Hebräerbriefes diesem religiösen Frust? Diese Frage mag uns auch interessieren angesichts unseres Jahresthema, in dem wir uns ja explizit auf der Suche nach Orientierung in einer unübersichtlichen Zeit befinden. Orientierung also, ist es das? Oder anders gefragt: Wie kommt der Hebräer dazu, der Gastfreundschaft so einen das Herz öffnenden Anklang zu geben:
Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.
Wer würde nicht gerne einen Engel beherbergen, einen Boten Gottes, einen, der spricht „Fürchte dich nicht!“, einen von denen, denen der Höchste selbst befiehlt, „dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Psalm 91,11), wie es in einem der derzeit beliebtesten Taufsprüche heißt? Wie schön das doch wäre. Da würden sich dann gewiss nicht mehr die eingangs erwähnten Fragen stellen.
Ja, sie würden sich nicht stellen – aber sie stellten sich damals und sie stellen sich heute. Beantwortet nun der Vers diese Fragen? Mitnichten. Vielmehr erinnert er an das, was an Segen in der Gastfreundschaft enthalten ist, indem er biblische Geschichten andeutet, in denen von diesem Segen die Sprache ist. Denn es gibt einige biblische Gestalten, die Engel beherbergten, ohne es zu ahnen.
Etwa Abraham und Sara: in der größten Mittagshitze standen einst drei Fremde vor der Tür ihres Zeltes. Sie schicken sie nicht weiter, sondern laden sie unter ihr Dach ein und bereiten ihnen ein Festmahl.
Und so fremd wie sie waren, so nahe kommen die drei dem Paar – und verheißen das, wonach sie sich ein Leben lang sehnten und schon die Hoffnung aufgegeben hatten: einen Sohn. Oder Lot, der zwei Fremde in seinem Haus in Sodom aufnahm und schützte vor einem irren Mob, der die beiden meucheln wollte. Als Segen verheißen sie ihm und seiner Sippe sicheres Geleit im Angesicht des Untergangs von Sodom und Gomorrha.
Welch ein Segen die Gastfreundschaft enthält, wird nicht zuletzt im Matthäusevangelium beschrieben, im Gleichnis vom Weltgericht, in denen die sieben Werke der Barmherzigkeit benannt sind, unter anderem eben jenes der Gastfreundschaft. Da heißt es: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ und weiter „Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? … Wahrlich, ich sage euch: Was getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan?“ Wer dies spricht, ist Christus selbst. Im Fremden, dem wir gastfreundlich begegnen, mag uns Christus selbst begegnen.
Mögen wir das bedenken in diesem Juni – und darüber hinaus. Amen.

Autor: Pfarrer Peter Lysy

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