Vor allem Tun sind wir Beschenkte

Andacht zum Thema Sonntagsschutz gehalten im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU)

1. Crackberry
Wer von Ihnen hat heute eigentlich seinen Blackberry dabei? Sie müssen mir das jetzt nicht durch Handzeichen signalisieren, aber ich vermute, dass dieses sehr praktische Gerät unter uns ein schon selbstverständliches, beruflich notwendiges Accessoire ist. Kontakte pflegen und speichern, beständig erreichbar zu sein, um schnell etwas abklären zu können, sofort reagieren zu können, wenn es brennt, Wichtiges schnell und passgenau weiterreichen. Wirtschaften lebt heutzutage von schnellen Informationen, Informieren und Informiertsein, dauerhaft Online-sein erscheint als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg. Auch wir hier im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer haben schon oft davon profitiert, dass im Leitungskreis viele per Blackberry schnell und unkompliziert, per Anruf oder Mail zu erreichen sind.

„Crackberry“ – das ist nun der weniger liebevoll gemeinte und in den USA geläufige Spitzname für diese Geräte, die permanente – und damit auch permanent erwartete – Zugänglichkeit ermöglichen. Dieser Spitzname erinnert an Crack, eine Straßendroge in den USA, die binnen kürzester Zeit hochgradig abhängig macht und zu starken Persönlichkeitsveränderungen und schwerwiegenden psychischen Beeinträchtigungen führt. Er erinnert damit gewiss auch an die Schattenseiten unserer Kommunikations-kultur, die Auszeiten, Freizeiten, Abschalten zunehmend erschwert bzw. nur erlaubt um den Preis
– eines schlechten Gewissens,
– der Sorge, etwas zu verpassen,
– des Gefühls, doch eigentlich irgendwo anders sein zu müssen, mit irgendetwas anderem befasst sein zu müssen.

2. Sonntagsschutz
Dieser Not begegnet in unserer Kultur, so scheint‘s, zunächst einmal der Sonntag. Ein Tag zur Ruhe, zur „Erhebung der Seele“, wie es in unserem Grundgesetz so schön heißt. Hier also wird endlich einmal doch die Grenze gezogen, ein Biotop unverzweckter Zeit im Gottesdienst und mit der Familie. Eine Zeit, die es zu schützen gilt, so wie es die Verfassungsbeschwerde der beiden großen Kirchen gegen das Berliner Ladenschlussgesetz intendiert. Ein Gesetz, das zehn verkaufsoffene Sonntage im Jahr ermöglicht. In Bayern, nebenbei bemerkt, sind es derer vier, die landauf landab von Kommunen gerne in Anspruch genommen werden.

Diese Verfassungsbeschwerde erscheint mir jedoch eher symptomatisch für die Schwäche unserer Sonntagskultur. Selbstverständlich ist der Sonntag nicht mehr in unserer Gesellschaft. Das zeigt auch die bundesweite Allianz für den freien Sonntag, an der die Träger der kirchlichen Industrie- und Sozialarbeit beteiligt sind, und die für den Sonntagsschutz auf kommunaler Ebene werben und kämpfen. Woran diese Schwäche unserer Sonntagskultur liegen kann, wäre sicherlich im Einzelnen zu erörtern. Dass sie aber wohl auch in Zusammenhang mit der zeitlichen Entgrenzung unserer Arbeit und der darin verwandten Kommunikationsmedien steht, die diese Entgrenzung ermöglichen, ist nachvollziehbar.

3. Sonntag wider das Getriebensein
Dabei ist der Sonntag als Feiertag biblisch zunächst einmal nicht als Grenze, sondern als Geschenk zu begreifen, nicht als verdiente Ruhe für die Arbeit der vergangenen Woche oder als Ruhe vor dem großen Sturm der kommenden Woche, sondern als Gabe Gottes. Oswald Bayer erinnert in seiner Würdigung des Sonntags daran, dass der Sabbat zwar die Schöpfung Gottes abschließt, dass aber erst nach dem Sabbat der erste Werktag des Menschen einsetzt. Der Sabbat markiert so den Übergang von Gottes schöpferischem Wirken zum Tun des Menschen. Er markiert aber auch den Unterschied von Gottes- und Menschenwerk.

Gotteswerk wird hier kenntlich als grundsätzliche Voraussetzung für unser menschliches Dasein und Wirken, als Werk, das unserem Tun und Wirken einen Anfang setzt. Einen Anfang, der immer wieder von neuem gesetzt werden kann, jenseits unserer eigenen Vorstellungsgabe, jenseits unserer Nöte und Todesängste. Der Auferweckte am Sonntagmorgen zeugt uns von solch einem gottgewirkten Anfang.

So beginnt denn auch für uns Christen die Woche mit dem Sonntag, an dem es eben all dies zu feiern gilt, was Gott uns schenkt: die Werke seiner Schöpfung und das neue Leben, die neue Schöpfung, die den Tod vertreibt, wie sie uns in Christus ansichtig wird – eine neue Schöpfung, in die hinein genommen wir selbst immer wieder uns als Geschöpfe Gottes erfahren lernen. Da lernen wir uns kennen als Menschen, denen alles geschenkt ist, und sind zugleich gefragt, ob wir uns in unserem Sein und Wirken von dieser Einsicht leiten lassen mögen – dass wir vor allem Tun Beschenkte sind.

Nicht also der Abstand zur eigenen Arbeit erfüllt die Sonntagsruhe, sondern die Erfahrung, vor allem Tun Beschenkte zu sein. So kann die Sonntagsruhe auch hineinwirken in unser alltägliches Wirken. Dann werden wir frei, uns nicht in unserem Tun und Sorgen zu verlieren. Dann werden wir frei, uns unseres eigenen Lebens nicht versichern zu müssen in dem, was wir bewirkt haben oder zu bewirken noch vorhaben. Dann können wir unseren Blackberry eben auch mal Blackberry sein lassen, so dass er uns nicht zum Crackberry werde.

Amen.

Autor: Pfarrer Peter Lysy, 2009.

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