Zeit der Gnade

Andacht zu 2. Korinther 6,1-10 gehalten im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU)

2. Korinther 6, 1-10:
1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.
2 Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen. « Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;
4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der
Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;
9 als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Liebe AEU-Gemeinde,
als Christinnen und Christen haben wir in unserem Leben schon so manches von Gnade gehört und möglicherweise auch davon geredet. Vielleicht sogar so wie Paulus, der ja vollmundig an die Gemeinde in Korinth schreibt: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade.“ Jetzt. Die Zeit der Gnade.
Zeiten der Gnade. Wenn wir von Gnade sprechen, dann, so vermute ich, denkt jede und jeder von uns an bestimmte Momente, gnadenvolle Momente. Erinnern Sie sich an solch einen Moment, wie er sich angefühlt, was da so mitgeschwungen ist?
Die Zeit der Gnade, was ist das für eine Zeit? Es ist, das sage ich nun erst einmal ganz als Pfarrer, die Zeit des Gottesdienstes. Gerade zu Beginn des Gottesdienstes wird diese Zeit der Gnade intoniert, gerade am Anfang, wenn wir uns im Namen des dreieinigen Gottes versammeln, des einen, der zugleich unser Schöpfer – aus Gnade, unser Erlöser – aus Gnade, unser Erhalter – aus Gnade, ist. Wenn wir uns in diesem Namen versammeln, dann begreifen wir sogleich, wie begnadete Wesen wir schon immer sind. Und wenn wir dann im Weitergang des Gottesdienstes uns sammeln, dann, um uns darauf vorzubereiten, uns diese Gnade erneut als solche gefallen zu lassen. Wenn wir unsere Schuld bekennen, dann nur, um zu begreifen, wie bedürftig wir allzeit des Wortes der Gnade sind, des Zuspruchs Gottes in seinem Wort, in seiner leiblichen Hingabe, derer wir im Abendmahl erneut gewärtig werden, und im Segen, der uns als Begnadete in die Welt sendet.

Indem wir uns als die erkennen, die nicht von sich aus gnädige Damen und Herren sind, werden wir erneut empfangsbereit für die Gnade, die von Gott her uns geschenkt wird. Nichts ist da zu verdienen.
Alles ist da zu empfangen. Das ist wesentlich das Geheimnis der Gnade, die in den Worten und Weisen unseres Gottesdienstes immer neu Gestalt gewinnt, und die uns eintauchen lässt in unsere wahrhaft schillernde Existenz als simul iustus et peccator, als zugleich Sünder und Gerechter.

Wie kann man diese Existenz beschreiben? Wahrscheinlich nur so schillernd, so ambivalent, so scheinbar widersprüchlich, wie es eben nicht nur Martin Luther, sondern schon Paulus getan hat: als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. Oder wie es Jesus selbst gesagt: Die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein.
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade.“ Schillernd ist diese Existenz, weil sie Voraussetzungslosigkeit voraussetzt: nur der Kranke kann geheilt werden, nur der Gebrochene erbaut, nur der Sünder gerettet, nur der Schuldige begnadigt werden.

Mir ist das kürzlich erst wieder in einem Gespräch deutlich geworden, als mir einer geschildert hat, wie bei ihm die Erkenntnis seiner Schuld gewachsen ist. Dass er sich an nahen Menschen vergangen hat, ganz unwillentlich und unwissentlich, damals. Wie ihm heute das Ausmaß seiner Schuld bewusst wird, weil er die negativen Auswirkungen seines Tuns erkennt. Und wie er doch auch wahrnimmt, dass gerade dies, diese schmerzhafte Einsicht, der Anfang eines heilsamen Geschehens in seinem Leben darstellt. Er hat’s nicht bewirkt. Er hat’s nur empfangen, den Schmerz der Schuld, das Wissen um seine Unzulänglichkeit – und doch ist dies der Ausgangspunkt einer neuen Hoffnung in seinem Leben. „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade.“

Das heißt aber eben auch: Mitten im Leben, 24/7, ist diese Zeit der Gnade. Das möge uns bewusst werden, so wie Paulus es den Korinthern ins Bewusstsein ruft. „Als Mitarbeiter ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.“ Ganz in dieser Zeit der Gnade, die eben bei weitem nicht nur die Zeit des sonntäglichen Gottesdienstgangs ist, in dieser Zeit der Gnade zu bleiben, das ist unser aller Beruf als Christinnen und Christen in dieser Welt.
Denn „all Morgen ist ganz frisch und neu. Des Herren Gnad und große Treue, sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
Amen.

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