Tutzing-Tagung 2016: Arbeitsalltag 4.0: Das Jetzt verstehen - die Zukunft gestalten.
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Tagungsprogramm

Tutzing-Tagung 2016

Vorträge (in Auswahl)

  • Wandel der Arbeitswelt, Dr. Nick Kratzer, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München e.V.
  • Der neue Arbeitsaltag, Jan Möllendorf, Geschäftsführer defacto creativ, Präsident Deutscher Dialogmarketing Verband e.V.
  • Arbeit 4.0, Peer-Oliver Villwock, Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Arbeitsalltag 4.0: Das Jetzt verstehen – die Zukunft gestalten

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist eine der großen Umwälzungen unserer Zeit. Arbeit und Leben – der Arbeitsalltag – sind schon jetzt ohne digitale Technologien nicht mehr denkbar. Die Digitalisierung des Arbeitsalltags ist aber nicht nur eine technologische Entwicklung und schon gar keine Naturgewalt, sondern ein gesellschaftliches Projekt. Gerade, weil technisch heute so viel möglich ist, ist der Digitale Wandel gestaltungsbedürftig – und gestaltbar.

Tagungsbericht von Peter Lysy

Im Zeichen des Umbruchs stand die diesjährige Kooperations-Tagung des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt Bayern mit der Evangelischen Akademie Tutzing in doppelter Hinsicht: Inhaltlich widmete sich die Veranstaltung unter dem Titel „Arbeitsalltag 4.0“ dem fundamentalen Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Personell zeichnete die Tagung einen Wechsel der Kooperationspartner vor. Nach dem Abschied des langjährigen Studienleiters Dr. Martin Held wird auf Seiten der Akademie seine Nachfolgerin Katharina Hirschbrunn die traditionsreiche Tagung verantworten; auf Seiten des kda sind wie bisher Philip Büttner und neuerdings Pfarrer Peter Lysy zuständig. Ein Tagungsbericht.

Als dritter Kooperationspartner war in diesem Jahr das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München e.V. (ISF) mit an Bord. Dr. Nick Kratzer, Wissenschaftler am ISF München, plädierte dafür, die Digitalisierung nicht als rein technologisches, sondern als gesellschaftliches Projekt zu begreifen. Das heißt, nicht technologischen Trends die Agenda zu überlassen, sondern sich nach einem normativen Leitbild auszurichten. „Wir müssen uns die Frage stellen: Wie soll sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung positiv verwandeln – in Fragen etwa der Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, der Gesundheit oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“

Solidarität und Führungskompetenz gefragt

Professor Traugott Jähnichen (Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum) bewertete die digitalen Trends anhand der Leitbilder, welche die aktuelle EKD-Denkschrift zur Arbeitswelt „Solidarität und Selbstbestimmung“ prägen: „Während die Digitalisierung eine Zunahme an Autonomie und freier Einteilung von Arbeitszeiten und –orten ermöglicht, wird in der digitalen Arbeitswelt Solidarität schwerer erlebbar und organisierbar.“ Es bestehe das Risiko, dass die Sozialpartnerschaft unterminiert und dadurch die Digitalisierung zu einem „Ungleichheitsverstärker“ werde. Dem müsse in der rechtlichen Ausgestaltung der digitalisierten Arbeitswelt Rechnung getragen werden.

Peer-Oliver Villwock, der im Bundesministerium für Arbeit und Soziales für die Durchführung des Grün- und Weißbuchprozesses „Arbeit 4.0“ zuständig ist, betonte die Chancen der Digitalisierung. So böten digitale Assistenz- und Tutorensysteme gerade für die, die physische oder kognitive Unterstützung bräuchten, zusätzliche Integrationsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt. Zwei Trends werde die Digitalisierung verstärken – den Trend zu lebenslanger Qualifizierung und den Bedeutungszuwachs sozialer Kompetenzen. „In der digitalen Arbeitswelt nehmen gerade die Ansprüche an gute Führung zu.“

Kirche als Reparaturbetrieb?

Jan Möllendorf, Geschäftsführer der defacto x GmbH, ermutigte die Teilnehmer dazu, sich im Silicon Valley selbst ein Bild von der neuen 4.0-Arbeitswelt zu machen. Als Chef eines Dialogmarketingunternehmens beobachte er, dass derjenige, der seine Geschäftsmodelle nicht an die digitalen Trends anpasst, sein Geschäft verliert. Sorge bereite ihm aber auch die zunehmende Geschwindigkeit und Arbeitsverdichtung, die mit der Digitalisierung einhergehen. Der Belastung der Mitarbeiter versuche er entgegenzuwirken, unter anderem durch ein Servicetelefon eines psychologischen Beratungsdienstes, das Mitarbeiter in Not in Anspruch nehmen können. „Ich frage mich aber, warum ich das als Geschäftsführer anbiete. Das wäre doch Kerngeschäft der Kirche.“

Auch in den Workshops, welche zum einen digitale Arbeitsprozesse, zum anderen Phänomene der digitalen Arbeitswelt wie mobiles Arbeiten und ständige Erreichbarkeit beleuchteten, wurden den rund 80 Teilnehmern die Ambivalenzen der Digitalisierung deutlich. Sie zeigten aber auch deutlichen Handlungsbedarf: So passt das derzeitige Arbeitszeitgesetz ebenso wenig zu den Realitäten der digitalen Arbeitswelt wie der oft unbedarfte Umgang mit Unternehmensdaten in einer Welt, in der über das Internet jeder mit jedem vernetzt ist.

Als sein Fazit bemerkte Dr. Kratzer zum Schluss der Tagung, dass im Sinne einer menschengemäß zu gestaltenden Arbeitswelt 4.0 den unbegrenzten technischen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung biete, durch die aktive Mitarbeit durch Betriebsräte und durch politisches Handeln notwendige Grenzen zu setzen seien.

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