3G im Betrieb – Belastungsprobe für das soziale Klima

NÜRNBERG. „Eigentlich wollten wir dieses Jahr wieder eine schöne große Feier machen. Doch nun müssen wir uns um Impf- und Testzertifikate und trotzige Kollegen kümmern.“ So recht will keine Weihnachtsstimmung in dem Nürnberger Holztechnikbetrieb aufkommen. Die vierte Coronawelle verhindert nicht nur das zweite Jahr in Folge eine unbeschwerte Adventszeit im Betrieb. Die gesetzlichen Vorschriften zu 3G am Arbeitsplatz machen einigen Unternehmen zusätzlich zu schaffen. Wir haben uns in einigen Betrieben umgehört, wie die Regelungen das betriebliche Klima beeinflussen, und zeigen Ansätze auf, wie das Miteinander erhalten werden könnte.

Zur Abfrage verpflichtet

Selbst dort, wo aufgrund einer hohen Impfquote nur wenige bis gar keine Kolleg*innen negative Tests vorweisen müssen, um zum Arbeitsplatz zu kommen, müssen einige Dinge beachtet werden. Der Gesetzgeber hat versucht, klare Bestimmungen an die Hand zu geben, die sowohl dem Datenschutz als auch dem Infektionsschutz Rechnung tragen sollen. So muss der Arbeitgeber den 3G- Status abfragen und dokumentieren, ohne die Arbeitnehmenden zur Offenlegung des Impfstatus oder anderer besonders geschützter Gesundheitsdaten zu nötigen. „In der Praxis heißt das für mich, ich darf nicht fragen: ‚Sind sie geimpft?‘, sondern ich muss es der Kolleg*in überlassen, selbst zu entscheiden, welches Zertifikat vorgelegt wird“, beschreibt Geschäftsführer Hans Leitner* den Prozess. Allerdings würden die meisten ein Impfzertifikat vorlegen, „beim Rest wissen wir aber schon, dass sie ein grundsätzliches Problem mit der Impfung haben“.

Ist Impfung noch Privatsache?

In so gut wie jeder Belegschaft finden sich Menschen, die aus persönlichen Bedenken oder politischen Gründen eine Impfung verweigern. Bisher war es möglich, die eigene Entscheidung für sich zu behalten. Doch spätestens, wenn man jeden Früh vor Betreten des Betriebs ein Zertifikat vorlegen muss, wird es mit der „Privatsache Impfung“ schwierig. Spannungen treten immer öfter zu Tage. „Leider haben wir auch Mitarbeitende, die ihrem Unmut über die vermeintliche Gängelung deutlich zum Ausdruck bringen“, sagt ein Nürnberger Betriebsrat. „Am Tag nach Bekanntgabe hatten wir hier eine kleine Schlange vor dem Büro. Warum wir als Betriebsrat das mitmachen würden, wurden wir gefragt. Dabei ist das keine Frage der Mitwirkung, sondern eine gesetzliche Verordnung.“ Bisher halten sich jedoch alle an die Vorgaben und bringen unaufgefordert Nachweise. „Wir haben sogar einzelne, die sich jetzt aus Bequemlichkeit doch impfen lassen. Glücklicherweise haben wir just in den nächsten Tagen eine firmeninterne Impfaktion mit dem Betriebsarzt.“ In vielen Betrieben werden die 3G-Regelungen aber als notwendiger Aufwand betrachtet. „Wir haben in jedem Bereich, in jeder Abteilung auch Leute, die nicht geimpft sind“, sagt eine Gastronomin. „Bis heute ist das aber nie ein großes Thema gewesen. Keine Streitigkeiten und es wird auch die Meinung eines jeden respektiert. Die Leute müssen sich halt testen lassen, was auch alle machen – da gibt es auch keine Diskussionen.“

Verständnis füreinander schwindet

Nicht in allen Betrieben der Region läuft das allerdings so reibungslos. „Wir mussten leider schon jemandem kündigen, da war auch kein Homeoffice möglich“, sagt ein Betriebsleiter aus der Anlagenbaubranche. „Wer sich der Testpflicht absolut verweigert und so selbstverschuldet den Betrieb nicht betreten darf, der schadet dem Betrieb. Da haben wir kein Verständnis“, erklärt er. Und die Gräben verlaufen hier auch nicht zwingend zwischen Belegschaft und Geschäftsleitung, sondern auch zwischen den Kolleg*innen. Viele seien einfach „nur noch genervt von ungeimpften Menschen, denen sie eine Mitschuld an der aktuellen Eskalation des Infektionsgeschehens und den gesetzlichen Auflagen geben. Natürlich ist das auch nicht die ganze Wahrheit, doch dieses Gefühl beeinflusst genauso die innerbetrieblichen Beziehungen, wie zum Beispiel die Behauptung in einer Impfdiktatur zu leben“, so Arbeitsseelsorger Martin Deinzer von kda Bayern in Nürnberg. Mit diesen Gefühlen muss man umgehen. Will man ein gutes Betriebsklima wahren, gilt es, sich als Leitung und Betriebsrat seiner Verantwortung bewusst zu sein und diese sozialen Prozesse innerhalb des Systems aktiv zu moderieren. So kann es nicht dabei bleiben, per Rundschreiben die aktuellen gesetzlichen Vorgaben zu verkünden und ansonsten mit den Schultern zu zucken und notfalls jemandem zu kündigen.

Mehr Kontakt, wo Nähe fehlt

Es sollte, wenn möglich, frühzeitig das Gespräch gesucht werden. Denn die Beweggründe von Betrieb und Mitarbeitenden können ein Schlüssel zur Lösung sein, bevor Situationen eskalieren. „Einige der Testverweigerer möchten sich aus Prinzip nicht testen lassen, um gegen die Regelungen zu protestieren. Sie sehen den Betrieb als Erfüllungsgehilfen einer in ihren Augen staatlichen Repression“, so Deinzer. Doch die Motive des Betriebs sind unter anderem auch die Sicherstellung von Produktion oder Dienstleistung. Und hier könnte in einem vertrauensvollen Gespräch ein gemeinsames Anliegen gefunden werden, die Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.
Eine größere Herausforderung für Verantwortliche und Kolleg*innen ist es, die allgemeine Stimmung hoch zu halten, denn Meinungsfreiheit endet nicht an der Schwelle zum Betrieb. Wie also einer vielleicht sonst geschätzten Kollegin deutlich machen, dass ihre Äußerungen dann doch sehr stören? Wie kann man über ein so persönliches und inzwischen hoch politisches Thema angemessen sprechen, ohne Menschen in der Belegschaft das Gefühl zu geben, sie wären per se ausgeschlossen und unerwünscht? „Das Schlimmste, das passieren kann, ist, wenn sich Kolleg*innen so weit entfremden, dass die gemeinsame Arbeit zum Kampfplatz wird. Auch wenn es gerade sehr aufwendig ist, genau jetzt ist die Zeit, in einem klaren und sicheren Rahmen das Miteinander zu fördern“, rät der Nürnberger Arbeitsseelsorger. Egal ob mit digitalen Hilfsmitteln oder jetzt zur Weihnachtszeit mit Wichtelaktionen. Je mehr Austausch über andere Themen möglich ist, desto weniger fallen unterschiedliche Ansichten zu Corona ins Gewicht. So lange der Rahmen für alle sicher ist, sollte so viel kollegiale Begegnung wie möglich angeregt werden.

*Wir haben den Namen aus Datenschutzgründen geändert.

(Foto: Skwara/ Getty Images via Canva)

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