Arbeit zuhause als Zukunftskonzept?

NÜRNBERG. Corona ist ein Anstoß, in Zukunft Vieles besser zu machen. Das Virus, das unser soziales Leben derzeit noch lähmt, könnte Bewegung in manche arbeitsweltlichen und gesellschaftlichen Fragen bringen. Der neue kda report 2020 widmet sich deshalb dem, was wir aus der Krise lernen können. Hanna Kaltenhäuser untersucht die Vorzüge und Nachteile des Homeoffice. Diese Arbeitsform, die Millionen Beschäftigte während des Lockdowns intensiv erlebten, braucht Rahmenbedingungen. Wie lässt sich Homeoffice künftig gut umsetzen?

Homeoffice im Fokus

„Siemens macht Homeoffice für 140.000 Mitarbeiter möglich“, meldet die Tagesschau im Juli 2020. Der Corona-Shut-Down hat im Jahr 2020 zu einem Digitalisierungs-Schub geführt und bedeutet(e) für viele Arbeitnehmende den Wechsel ins Homeoffice – oft unvorbereitet.
Seit Monaten setzen sich verschiedene Studien damit auseinander, welche Auswirkungen die Arbeit im Homeoffice für Unternehmen und Beschäftigte hat, wie Corona den Arbeitsalltag verändert (IAB Kurzbericht vom Mai 2020), was die Arbeit zuhause für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Mannheimer Studie und Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung/BIB), für die Gesundheit am Arbeitsplatz (DAK) oder die Zeit nach der Corona-Krise (Policy Paper der Uni Konstanz) bedeutet.

Deutliche Zunahme von Homeoffice

Vor der Corona-Krise lag Deutschland bei der Nutzung von Homeoffice mit etwa 12 Prozent im europäischen Vergleich nur im unteren Mittelfeld (Zahlen Eurostat 2020 nach BIB-Studie, S.31). Nach Zahlen des DIW waren es im Mai 2020 etwa 35 Prozent (Konstanz Studie). Hierunter fallen jeweils Arbeitnehmende, die sowohl ganz als auch teilweise zuhause arbeiten. In diesem Zusammenhang wuchs laut DAK-Studie auch die Nutzung von Telefon- und Video-Konferenzen (von 17 auf 34 Prozent) und Smartphones (45 auf 53 Prozent). Auch einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge nahmen gemeinsame Besprechungen vor Ort deutlich ab, während digitale Kommunikationsformen (Telefon, Video, E-Mail, Messenger) zugenommen haben.

Wer geht ins Homeoffice?

Eine Untersuchung des IAB unter 1.200 Beschäftigten in privatwirtschaftlichen Betrieben mit mindestens 50 Beschäftigten im April/Mai 2020 ergab unter anderem, dass Frauen mit 28 Prozent deutlich häufiger ins Homeoffice umzogen als Männer (17 Prozent) und vor allem Menschen aus Querschnittsfunktionen und Verwaltung wechselten. Digitale Arbeitsmethoden wurden nach einer Umfrage der DAK insbesondere bei Banken und Versicherungen (80 Prozent), IT-Dienstleistungen (75 Prozent) oder in der öffentlichen Verwaltung (72 Prozent) ausgeweitet, während das im Baugewerbe (43 Prozent), Handel (37 Prozent) oder im Gesundheitswesen (29 Prozent) deutlich seltener der Fall war. Schon vor dem Lockdown waren Dienstleistungsberufe im Büro, verbunden mit hoher Qualifikation und hohen Einkommen, typische „Homeoffice-Berufe“, wie Zahlen des statistischen Bundesamts von 2018 belegen (BIB S. 29).

Nachteile

Als Gründe dafür, dass Homeoffice vor März 2020 in nur geringem Umfang genutzt wurde, führen die Beschäftigten in der IAB-Befragung technologische Hürden, starke Präsenzkultur, schwierige Trennung von Beruf und Privatleben sowie die erschwerte Zusammenarbeit mit Kolleg*innen an. Der fehlende Kontakt zu den Kolleg*innen ist bei der Studie der DAK der am häufigsten genannten Nachteil (75 Prozent) im Homeoffice. Laut BIB-Studie „Eltern während der Corona-Krise“ haben Eltern Homeoffice deutlich häufiger genutzt als Personen ohne minderjährige Kinder. Da nur ein sehr geringer Anteil der Eltern eine Notfall-Betreuung in Anspruch nehmen konnte (0,9 Prozent) und gleichzeitig die Quote der Betreuung durch Großeltern von 8,3 auf 1,4 Prozent sank, gab es für viele Erwerbstätige mit Kindern „kaum Erholungszeiten zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit“. Gefragt nach der Zufriedenheit in Familien, gaben fast die Hälfte der Eltern an, sich in der Lockdown-Phase „sehr belastet“ gefühlt zu haben.

Vor und Nachteile von Homeoffice aus Sicht der Beschäftigten.
Quelle: DAK (2020, Hrsg.): Digitalisierung und Homeoffice in der Corona-Krise, Sonderanalyse zur Situation in der Arbeitswelt vor und während der Pandemie, eigene Darstellung.

Vorteile

Offensichtlich haben die verschiedenen praktischen Erfahrungen und Notwendigkeiten der letzten Monate dennoch dazu geführt, dass diese Hürden und Widerstände zumindest teilweise in den Hintergrund getreten sind – sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Beschäftigten: So sehen jeweils zwei Drittel der Befragten im Homeoffice in einer Studie der DAK den Zeitgewinn durch den Wegfall des Arbeitswegs, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die selbstbestimmte Verteilung der Arbeitszeit als positiv. „Wir haben gesehen, wie produktiv und effektiv das mobile Arbeiten sein kann. Da haben sich einige Vorurteile in Luft aufgelöst“, zitiert tageschau.de einen führenden Siemens-Manager.

Unternehmen und Beschäftigte

In Konsequenz wünschen sich sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte, dass Homeoffice in Zukunft einen größeren Anteil der Arbeitszeit ausmacht. Fragt man die Arbeitnehmenden, wünschen sich zum Beispiel 56 Prozent der 700 Befragten einer Studie der Universität Konstanz zufolge, „auch in Zukunft mindestens teilweise von Zuhause aus zu arbeiten“. Und auch Arbeitgeber*innen plädieren für eine Mischung aus Homeoffice und Büro-Präsenz: Laut Vorstandsbeschluss bei Siemens soll es zum weltweiten Standard
werden, dass mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden künftig zwei bis drei Tage die Woche Zuhause arbeiten können.

Risiken minimieren – vertragliche Regeln helfen

Schon vor Corona war klar: Wenn der Rahmen stimmt, überwiegen bei Homeoffice die Vorteile für die Beschäftigten. So hat eine Studie des WSI festgestellt, dass 46 Prozent der Arbeitnehmenden durchweg gute Erfahrungen machen, wenn Homeoffice vertraglich geregelt ist (WSI Report 54; Januar 2020). Ohne vertragliche Regelung – etwa bei informellen Absprachen – sind es nur 32 Prozent. Laut WSI arbeiten allerdings bisher nur 17 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice auf Basis einer vertraglichen Regelung. Wo Verbesserungen im Sinne der Beschäftigten ansetzen können, zeigt die Konstanz Studie klar auf: 56 Prozent der Befragten gaben an, dass sie im Homeoffice länger als vertraglich vereinbart arbeiten, 60 Prozent beklagen mangelnde Ausstattung mit IT-Hardware wie Laptops oder Bildschirmen, 20 Prozent fühlten sich im Homeoffice einsam und sozial isoliert.
Die Autor*innen der Studie empfehlen deshalb Betriebsvereinbarungen, die Rahmenbedingungen klar definieren und Raum für individuell angepasste Regelungen lassen. Dabei sollte die Gefahr von Isolierung oder Überarbeitung zentral im Blick sein. Alle Mitarbeitenden sollten Zugang zu Homeoffice-Arbeitsmöglichkeiten und dazu auch Schulungen für ein gesundes Arbeiten im Homeoffice erhalten. Technische Voraussetzungen für IT-basiertes Arbeiten müssen überall gegeben sein. Damit die Balance zwischen mobilem und stationärem Arbeiten klappt, braucht es außerdem gut ausgebildete und sensibilisierte Führungskräfte, die auch auf Distanz virtuell führen können, so die Forscher*innen.

Foto: Vinzent Weinbeer / pixabay.com

, ,

Meldungsarchiv

Vorheriger Beitrag
„Behindert ist man nicht – man wird behindert.“
Nächster Beitrag
Heilige Ruh‘

Ähnliche Beiträge

Menü