Fachgespräch Kirche.Flucht.Arbeit

NÜRNBERG. Das IAB berichtete im September über die steigenden Beschäftigungsquoten geflüchteter Menschen in Deutschland. Doch auch nach der Aufnahme einer Beschäftigung warten auf die Beteiligten große Herausforderungen. An diesem arbeitsweltlichen Integrationsprozess wirken viele kirchlich-diakonische Projekte und Initiativen mit. Die Evangelisch – Lutherische Kirche in Bayern ist hier in finanzieller Hinsicht sehr engagiert. Um zukünftig die Herausforderungen und Chancen im Blick zu behalten, lud der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt zu einer Perspektivwerkstatt nach Nürnberg und tauschte sich mit anderen Projekten zu diesem wichtigen Thema aus.

An vielen Orten in Bayern beteiligen sich kirchliche und diakonische Projekte und Initiativen, Einrichtungen und Einzelpersonen an der großen Aufgabe, Menschen mit Fluchterfahrung in eine auskömmliche und sichere Beschäftigung zu begleiten. „Kirche sollte um ihrer Glaubwürdigkeit willen beim Thema der Integration von Geflüchteten, und damit auch bei der arbeitsweltlichen Integration aufmerksam und aktiv bleiben“, eröffnete Dr. Johannes Rehm, Leiter des kda Bayern, die Runde. Er reflektierte anhand der Bibelstelle Exodus 22, 20 („Du sollst einen Fremdling nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen“) den Einsatz für die Rechte der Schwachen, auch als Resultat der eigenen Erfahrung von Schutzlosigkeit und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Gerade die Aufnahme einer Beschäftigung sei für Menschen Ausdruck und Bedingung für Selbstbestimmtheit und Teilhabe und somit auch ein wesentlicher Bestandteil für ein gelingendes Zusammenleben in der Gesellschaft.

Begleitung in Arbeit – den Einstieg schaffen

Und so hat sich in den letzten Jahren ein dichtes Netz gebildet, von der ehrenamtlichen Unterstützung beim Bewerbung schreiben über sozialpädagogische Begleitung in eine Ausbildung bis hin zu Begleitung und Beratung von „working refugees“.
„Mit dem Projekt wollten wir zunächst die vielen Bewohner unserer Wohngruppen für unbegleitete Minderjährige beim Einstieg in eine Berufsausbildung unterstützen“, beschreibt Amely Weiß von den Rummelsberger Diensten für junge Menschen die Anfänge des Projekts „bin dA“. „Doch inzwischen begleiten wir auch andere Geflüchtete mit Beratung, Kursen und Bewerbungstraining“. Gerade am Beginn eines Beschäftigungsverhältnisses kommt es häufig zu kleinen Schwierigkeiten, die aber schnell zu schweren Missverständnissen führen können. „Ein verlorener Schlüssel konnte schnell die Ausbildung gefährden“, erklärt Weiß. Vielleicht wurde aber auch noch nicht der richtige Beruf gefunden, und eine längere Orientierung tut gut.
Das Diakonische Werk (DW) Bayern bietet seit 2015 ein Sonderprogramm „Freiwilligendienst mit Fluchtbezug“, das auch für Geflüchtete im Asylverfahren offen steht. Für Marie-Elen Braun vom DW Bayern liegen die Vorteile auf der Hand: „Die Freiwilligen bekommen die Chance, ohne Druck sowohl die soziale Arbeit kennenzulernen als auch ihre Deutschkenntnisse ganz praktisch zu verbessern.“ Auch die Evangelische Jugend Nürnberg unterstützt mit besonderen Angeboten vor allem junge Menschen bei der Integration. Sie schafft Möglichkeiten der kulturellen Begegnung in den verschiedenen Bereichen offene Jugendarbeit, Schulbezogene Jugendarbeit und gemeindliche Jugendarbeit. Arbeit und Ausbildung sind dabei immer wieder Thema. So geben beispielsweise Kultur- und Glaubenskurse hilfreiche Erfahrungen zum Zusammenleben der Kulturen. „Da kommt immer wieder zur Sprache, wie wichtig den jungen Menschen eine gute Ausbildung für die Zukunft in Deutschland ist“ erklärt Clara Hof, Jugendreferentin im Fachbereich Integration.

Arbeitsweltliche Integration endet nicht mit Aufnahme einer Arbeit

Doch mit dem Eintritt ins Erwerbsleben kommen auch neue Fragen und Herausforderungen auf die Geflüchteten zu. „Ich nenne das dann immer das ‚Ankommen 2.0‘, wenn auf einmal Kollegen und Vorgesetzte das soziale Umfeld ergänzen“, sagt Diakon Martin Deinzer, Projektverantwortlicher beim Projekt „start-ab!“ des kda. „Das ist vor allem für ältere Arbeitnehmende eine schwierige Phase“. Denn nicht nur Jugendliche wollen in Deutschland arbeiten. Auch Menschen über 27 Jahre stehen wieder am Anfang, obwohl sie in ihrer Heimat schon viele Jahre gearbeitet heben. „Wenn die Menschen hier auf einmal mit 30 Jahren eine Ausbildung beginnen, dann bedeutet das nicht nur den mühsamen Neuerwerb von Fachtheorie und praktischer Fähigkeiten, sondern es geht auch um persönliche Neuorientierung, Umgang mit Frust und biographischen Brüchen. Die psychische Anstrengung, in einer neuen Kultur beruflich Fuß zu fassen, ist immens.“ Deshalb bietet der kda alters- und statusunabhängig persönliche Begleitung und Seelsorge, sozialpädagogische Beratung, Coachings und Workshops zur kulturellen Arbeitsweltintegration.
Eine Kooperation aus verschiedenen Akteuren in München hatte zur Unterstützung von Azubis im Handwerk das Projekt „Hand in Hand durch die Ausbildung“ gestartet, bei dem erfahrende Meister im Ruhestand Azubis mit Fluchterfahrung als Paten durch die Ausbildung begleiten. Diakon Stefan Helm von der Fachstelle für Kirche und Handwerk des kda gab einen Einblick in die Arbeit und erläuterte auch, dass im Azubiwohnheim des beteiligten Evangelischen Handwerkervereins von 1848 nun fünf ständige Wohnplätze für Azubis mit Fluchterfahrung geschaffen werden. „Die Wohnungsnot trifft gerade die Azubis besonders hart. Viele wohnen noch in Gemeinschaftsunterkünften.“ Dort könne man sich nur sehr schwer auf eine Ausbildung konzentrieren, denn es fehlen Lern- und Rückzugsräume. „Vor allem wenn Zimmergenossen keiner geregelten Beschäftigung nachgehen, sind die Ausbildungsverhältnisse massiv gefährdet“, sagte Helm.

„Es ist manchmal zum Verzweifeln“– rechtliche Hürden erzeugen Frust

Doch nicht immer gelingt der Einstieg in die Arbeitswelt. Denn neben den Hürden „Sprache“ und „Qualifikation“ gibt es auch immer wieder rechtliche Einschränkungen. Viele Teilnehmende berichteten von großen Schwierigkeiten geduldeter Menschen, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, sogar für eine Ausbildung. „Der Frust ist groß“, meinte Weiß, „denn selbst Jugendliche, die alle rechtlichen Voraussetzungen für eine Ausbildungsduldung erfüllen, die einen Betrieb gefunden haben, der sie gerne ausbilden würde, und sich integriert haben, bekommen meist keine Genehmigung der Ausländerbehörde.“ Der Druck und die Verzweiflung der Geflüchteten sind groß und erfordern ein hohes Maß an Einsatz und Sensibilität der Betreuer. Claudia Gessl vom Projekt BLEIB des Nürnberger Rats für Integration und Zuwanderung sieht den Grund dafür in den Richtlinien der bayerischen Staatsregierung: „Leider gilt vor allem in Nürnberg der Grundsatz ‚Abschiebung vor Ausbildung‘. Da ist es gut, wenn auch die Kirchen, die ja sehr aktiv sind in diesem Bereich, den Betroffenen Gehör verschaffen.“

Perspektiven für die Zukunft – Bessere Verzahnung und aktive Rolle

Dennoch möchten sich vor allem die kirchlich-diakonischen Träger an dieser Stelle nicht entmutigen lassen. „Wir dürfen über die Schwierigkeiten nicht die Chancen und Hoffnungen vergessen, die ein aktives Engagement der Kirche im Bereich Flucht und Arbeit bietet“, sagt Deinzer, „Das müssen wir den Menschen erfahrbar machen. Dann können wir sie überzeugen, dass gute Arbeit der Schlüssel für einen gelingenden Aufenthalt ist, nicht die Isolation und verordnete Tatenlosigkeit.“ Um den vielen Menschen weiterhin Angebote zu machen, müssen diese aber besser miteinander verzahnt und vernetzt werden. Schon jetzt verlieren auch erfahrene Berater hier und da den Überblick, welches Projekt welche Maßnahmen bietet. Im Fachgespräch angeregt wurde ein breiter angelegter Austausch im Frühjahr 2019, um hier ein Forum zu schaffen. Dieses könnte auch mit einem Austauschtreffen und Fortbildung für Ehrenamtliche kombiniert werden. Der kda Bayern möchte die Akteure unterstützen, den guten Austausch fortzusetzen und zu intensivieren. Gleichzeitig wird Leiter Dr. Rehm das Thema in der aktuell tagenden Synode der ELKB wachsam verfolgen und auf die aktuelle Situation aufmerksam machen.

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