Sozialethik in 4.0

AUGSBURG. Unter dem Titel „Für eine radikal reformierte Arbeitsgesellschaft“ fand ein Vortrags- und Diskussionsabend mit Blick auf die neuen sozial-ethischen Herausforderungen von Arbeit 4.0 mit Paul Schobel, Pfarrer und ehemaliger Leiter der Betriebsseelsorge Rottenburg-Stuttgart statt. Zu dem gemeinsam von der kda Regionalstelle Augsburg und dem KAB Kreisverband Augsburg Stadt und Land gestalteten Abend zum Thema Arbeit 4.0 in den Räumen des Annahof in Augsburg fanden sich gut 25 Zuhörer*innen ein.

Nur kurz hielt sich Schobel bei seinem Vortrag damit auf, die Geschichte(n) der Industrialisierung darzustellen, viel wichtiger war ihm der Blick auf die massiven Veränderungen, die jetzt schon stattfinden und zukünftig noch elementarer uns als Gesellschaft (be)treffen werden. Aus seiner Tätigkeit als Betriebsseelsorger u.a. in der Automobilbranche in Sindelfingen berichtete Schobel über das Phänomen, dass der Mensch als Übersetzer immer mehr wegfällt. Waren menschliche Arbeitskräfte früher notwendig, um z.B. unterschiedliche Teile auf unterschiedlichen Maschinen unterzubringen und zu bearbeiten, ist heute ein ganz anderer Standard die Realität: Maschinen kommunizieren untereinander, sind selbstlernend und selbstoptimierend. Der Mensch fungiert in diesem Prozess, der theoretisch von einer Bestellung (über das Internet) bis zur Auslieferung der Ware volldigitalisiert und –automatisiert läuft, nur noch als Beobachter.

Neben diesem Aspekt war Schobel aber an diesem Abend vor allem die massive Veränderung der Arbeitswelt auf globale Sicht ein wichtiges Anliegen. Er spricht dabei auch von einem „Plattformkapitalismus“ und von „Digitalisierung als Prozessmaschinerie“. Schobel verschweigt dabei nicht die Chance auf einen gigantischen Produktivitätsschub, welchen die Digitalisierung verspricht durch ein schnelleres, billigeres, besseres Arbeiten. Er verweist aber darauf, dass diese Erhöhung der Produktivität, und vor allem darum geht es in seinen Augen, einzig einer Erhöhung der Renditen dient, denn „sonst würde es der Kapitalismus nicht machen“. Schobel stellt dabei auch die Frage, wohin die Produktivitätsgewinne fließen und sieht in erster Linie die Politik in der Pflicht.

Nur scheinbar unendliche Möglichkeiten

Gerade durch die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten sieht Schobel eine große Gefahr eines (neuen) „digitalen Proletariat und digitalen Prekariats“. Als Beispiel nennt er die Soloselbstständigkeit im virtuellen Raum – da die Arbeit global im digitalen Raum steht und nicht mehr lokal an Unternehmen gebunden ist, fällt auch die statische Bindung z.B. an Tarifverträge weg. Ein wichtiges Merkmal ist dabei, dass dies in allen Bereichen der Arbeit passiert. Es entsteht seiner Ansicht nach eine neue Schicht von Beschäftigten: Menschen deren Arbeit ohne Ort, ohne Grenzen, ohne Schutz getan wird. Die fehlende Regulierung, z.B. von Arbeitszeit oder Berechnung von „Kopfarbeit“, ist, so Schobel, ein Eldorado für Aufweichung und Abschaffung aller in den letzten Jahrzehnten erreichten Errungenschaften und Sicherheiten für Arbeitnehmende.
Ein wichtiges Detail ist dem Theologen die Unterscheidung in Marktwirtschaft und Kapital. Kapital,  ist nur wenig gestaltbar. Die Marktwirtschaft aber, so sein leidenschaftliches Plädoyer, ist der Bereich, der neue gedacht und neu gestaltet werden muss. Marktwirtschaft muss wieder sozial werden, sich ökologischer orientieren und stärker demokratisiert werden. Die Mitbestimmung, z.B. über Gewerkschaften, sieht Schobel dabei als unverzichtbares Element. „Wirtschaften muss neu gedacht werden,“ fordert er und vermisst in diesem Zusammenhang eine generelle Systemdebatte.
In einem Atemzug mit dem neuen Denken von Wirtschaft nennt der ehemalige Betriebsseelsorger die für ihn elementare, neue Definition von schwerer Arbeit. „Pflege oder Erziehung ist ein Knochenjob“ und dies müsse in der Bezahlung sichtbar werden. Den Weg von einer Erwerbsgesellschaft zu einer Beschäftigungsgesellschaft sieht Schobel, bei allen Diskussionen z.B. über ein bedingungsloses Grundeinkommen, als nicht mehr umkehrbar. Wichtig ist ihm aber, dass dieser Weg gestaltet wird und nicht nur hingenommen. Es geht ihm nicht um eine Fortschrittsfeindlichkeit, er verwehrt sich aber gegen eine zunehmend unkritische Fortschrittsgläubigkeit!

Kirche in der Pflicht

Als Wächter dieses Fortschrittes nimmt Schobel am Ende seines Vortrages die Kirchen in die Pflicht. Die ersten Schritte einer gemeinwesenorientierten Kirche sieht er positiv, aber „dies kann nur ein Anfang sein“. Darüber hinaus fordert er den Schritt von „einer Kirche der Barmherzigkeit hin zu einer Kirche der Gerechtigkeit“. Beide Kirchen als große Arbeitgeber sieht Schobel dabei in der Vorreiterrolle die Anforderungen an gerechte Arbeit umzusetzen. Gleichzeitig ist für ihn klar, dass Kirche nicht nur Beobachterin der Entwicklung in der Arbeitswelt sein darf. Ihm ist es wichtig, auch „Kirchenleitung auf den Boden der arbeitenden Tatsachen zu holen“ und im Sinne der guten Hoffnung für die Menschen nicht erst auf die Gerechtigkeit nach dem Tod zu warten. Die Barmherzigkeit der Kirchen wird beispielsweise ausgenutzt, so Schobel, um Gerechtigkeit aktuell zu verhindern.
„Wer Halleluja singt, muss auch Pfui Teufel sagen dürfen“ – mit diesem Auftrag, Missstände klar zu benennen, beendete Schobel seinen kurzweiligen und lebhaften Vortrag. Dass das Thema die Anwesenden sehr bewegt, zeigte sich in der noch anschließenden Runde für Rückfragen und persönliche Eindrücke.

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