Von der Küchenhilfe zur Robotik-Fachkraft – Talk über Fachkräftemangel und Ausbildungsnot

NÜRNBERG. Woran liegt es, dass in zahllosen Betrieben Arbeitskräfte und Azubis fehlen und zugleich manche junge Menschen keine Ausbildung und Langzeitarbeitslose keinen Job finden? Diese Frage diskutierte der kda Bayern auf dem Markt der Möglichkeiten beim Evangelischen Kirchentag mit Praxis-Expert*innen.

Der Talk in Halle 4 begann mit einer Problemanalyse. In beinahe jedem zweiten Betrieb in Deutschland fehle es an Arbeitskräften, erklärte René Steigner vom kda Nürnberg in seiner Einführung. Zugleich stünden weniger junge Menschen in einem Ausbildungsverhältnis denn je zuvor. Die beiden Moderatoren – Dorothea Kroll-Günzel (Aktion 1+1) und Ulrich Gottwald (kda Augsburg) – stellten die Leitfrage des Nachmittags: „Wie kann es sein, dass es überall an Mitarbeitenden und Azubis mangelt und trotzdem so viele Langzeitarbeitslose ohne Job und junge Menschen ohne Ausbildungsstelle bleiben? Was passt da nicht zusammen?“

Wir bringen 80 Prozent erfolgreich durch die Gesellenprüfung.“

Vermittlungshemmnisse bei der Ausbildungsplatzsuche beschrieb Anette Pappler, Leiterin der Jugendwerkstatt Langenaltheim: „Manche junge Menschen werden durch einen fehlenden Schulabschluss, eine Sprachbarriere oder auch eine körperliche oder psychische Erkrankung an der Aufnahme eines Ausbildungsverhältnisses gehindert.“ In ihrer Jugendwerkstatt machten die Azubis eine ganz reguläre Ausbildung wie in jedem anderen Betrieb, würden dabei aber intensiv sozialpädagogisch begleitet. „Wir bringen 80 Prozent erfolgreich durch die Gesellenprüfung und von denen wiederum rund 90 Prozent in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.“

Die Menschen, die bei uns arbeiten, sind stark!“

Bei den Langzeitarbeitslosen, die Wolfgang Grose als Leiter des Sozialkaufhauses der Diakonie in Aschaffenburg, fördert und beschäftigt, sind die Chancen am Arbeitsmarkt weniger gut. „Es gibt Menschen, die sind auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer zu integrieren, auch wenn man sie noch so intensiv sozialpädagogisch betreut“, so Grose. Er mache jedoch die Erfahrung, dass diese Menschen arbeiten wollen. „Wir begleiten sie intensiv, damit sie sich stabilisieren können und ihnen auch der Mut bleibt, nicht aufzugeben, sondern weiterzugehen.“ Am Ende schaffe es auch ein kleinerer Teil, etwa 20 Prozent von ihnen. 80 Prozent würden dagegen dauerhaft einen geschützten Arbeitsmarkt brauchen. „Aber auch die können etwas beitragen. Die Menschen, die bei uns arbeiten, sind stark!“, sagte Grose.

Menschen müssen auch überzeugt werden, den Weg mit uns zu gehen.“

Franziska Zühlke vom Dienstleistungszentrum Arbeit & Qualifizierung der Arbeitsagentur Nürnberg wiederum bewertet die Aussichten von Langzeitarbeitslosen zum aktuellen Zeitpunkt vergleichsweise positiv. Es sei derzeit ein Bewerbermarkt. „Da gelingt manchem der Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Es sind oft kleinere und mittelständische Betriebe, die diese Chance geben. Und auch in der Qualifizierung gibt es Erfolgschancen, wenn jemand sagt: Ich möchte mich wirklich weiterqualifizieren.“ Es sei im Jobcenter ein großes Instrumentenportfolio vorhanden und es könnten individuelle Lösungen gefunden werden. Die letzten Arbeitsmarktreformen seien ein Fortschritt laut Zühlke: „Das Instrumentenportfolio hat uns der Gesetzgeber durch das Teilhabechancengesetz und durch die neuen Möglichkeiten der Weiterbildungsförderung im Bürgergeld mitgegeben. Aber Menschen müssen auch überzeugt werden, den Weg mit uns zu gehen. Wir kommen als Behörde kaum ran an die Menschen. Sie müssen noch mehr Zutrauen zu uns finden.“

Wir haben Nachhilfekurse konzipiert, fast so etwas wie eine Ausbildung in der Ausbildung.“

Ein Beispiel, wie ein großes Unternehmen Unterstützung bei der Ausbildung und Weiterqualifizierung geben kann, lieferte Dr. Jürgen Hollatz  von Siemens, der in München als Leiter der Berufsbildung Süd tätig ist. Es sei wichtig, dass Auszubildende ihre Ausbildung auch schafften, damit es nicht zur Frustration komme, sagte Hollatz. „Wir haben Nachhilfekurse konzipiert, fast so etwas wie eine Ausbildung in der Ausbildung, damit die, die etwas schwächer sind, eine Chance haben.“ Es gebe im Unternehmen auch ein Social Counseling durch Psycholog*innen und Sozialpädagog*innen, die Lösungen vermittelten, wenn zum Beispiel Auszubildende in einer schwierigen persönlichen Situation mehr Zeit benötigten. Hollatz berichtete auch von innovativen Fördermaßnahmen seines Unternehmens, die Beschäftigten einen Aufstieg ermöglichten und zugleich einen Beitrag zur Lösung des Fachkräfteproblems leisteten: „Wir haben Küchenhilfen zwei Jahre lang bei vollem Lohnausgleich zu Fachkräften weitergebildet, damit sie jetzt in die Digitalisierung, Robotik und ähnliche Felder hineingehen. Darunter waren zum Beispiel alleinerziehende Mütter, die unter normalen Umständen für solch eine Qualifizierung gar keine Zeit gehabt hätten.“

Forderungen nach einer Ausbildungsgarantie und Lohnkostenzuschüssen

Es gibt also in der Praxis vielfältige gute Ansätze, Menschen den Weg zu Ausbildung und Erwerbsarbeit zu ebnen. Aus der Runde kamen aber auch Forderungen an die Politik. So machte sich Anette Pappler für eine Ausbildungsgarantie stark: „Ich bin eine Befürworterin der Ausbildungsgarantie für alle junge Menschen. Ein Rechtsanspruch wirkt entstigmatisierend und ermutigt junge Menschen, die in der Schule vielleicht nicht so gut abgeschnitten haben. Die Ausbildung muss dann für sie aber individuell gestaltet sein, nicht nach Schema F.“

Wolfgang Grose forderte die Entfristung des Teilhabechancengesetzes – nicht nur des Gesetzes an sich, die jetzt durch die Bürgergeldreform bereits geschehen ist, sondern auch eine Entfristung der individuellen Förderung. Bislang können die Beschäftigungsverhältnisse maximal fünf Jahre lang durch Lohnkostenzuschüsse gefördert werden. „Wir müssen Arbeit bezahlen und nicht Arbeitslosigkeit alimentieren“, sagte Grose. „Das Bürgergeld allein verpufft. Wenn wir in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung investieren, dann fließt auch wieder etwas zurück in die Solidargemeinschaft und die Sozialkassen. Das rechnet sich für den einzelnen Menschen und für die Gemeinschaft.“

Talk-Teilnehmende auf dem Foto v.l.n.r.: Dorothea Kroll-Günzel, Anette Pappler, Dr. Jürgen Hollatz, Wolfgang Grose, Franziska Zühlke und Ulrich Gottwald / Bild: Büttner, kda Bayern

Solidarität, Arbeitnehmende, Betrieb, Ausbildung, Bildung, Arbeitslosigkeit

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