Wenn der Wecker nicht mehr klingelt

AUGSBURG. Viele Jahre werkelt man vor sich hin. Doch plötzlich kommt der Ruhestand in den Blick und damit ein neuer, wichtiger Lebensabschnitt. Diesem Lebensabschnitt sollte viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das findet ein Team aus Augsburg und erfand den Segen für Rente und Ruhestand. Vor dem ersten Gottesdienst am 1. April erzählt Ulrich Gottwald von der kda-Regionalstelle Augsburg im Interview, wie es zur Idee kam und was Gottesdienstbesucher erwartet.

kda Bayern: Herr Gottwald, zusammen mit der Servicestelle Segen, dem Evangelischen Forum Annahof und dem Dekanat Augsburg machen Sie eine Gottesdienstreihe für Menschen, die in Rente oder Ruhestand gehen oder gerade schon gegangen sind. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ulrich Gottwald: In einem Gespräch mit der Pfarrerin Bettina Böhmer-Lamey haben wir über einen Pfarrer gesprochen, der wegen der Pandemie nicht richtig in den Ruhestand verabschiedet wurde. Und ich wusste aus der Wirtschaft, dass dort seither auch viele nicht richtig verabschiedet wurden. Wir fanden, da muss Kirche etwas machen, und dann war das eine Sache von vier Minuten. Wir wollen als Kirche einen angemessenen Rahmen bieten, um in den Ruhestand zu treten.

Was ist dabei Ihr innerer Antrieb?
Kirche sollte bei den Menschen und bei den Lebenssituationen der Menschen sein. Das erlebt man in Krisensituationen und bei besonderen Anlässen, wie Taufe oder Hochzeit. Die Arbeitszeit ist für die Menschen eine wichtige Zeit, denn Arbeitszeit ist ein wichtiger Teil für die Menschen. Immerhin verbringen wir etwa 40 Jahre unseres Lebens die meiste Zeit auf der Arbeit. Aber leider sind diese Zeit und der Übergang in die Phase, wenn der Wecker nicht mehr klingelt, noch zu wenig im Blick von Kirche.
Dazu kommt: Nicht jeder geht zu einem freiwillig gewählten Zeitpunkt in den Ruhestand, sondern zum Beispiel aufgrund von Personalabbau. Das macht was mit Menschen. Manche fragen sich: „Was mache ich jetzt? Mich stellt ja niemand mehr an für die nächsten fünf Jahre.“ Wir wollen die Menschen genau dort abholen, wo sie stehen und den Segen zusprechen für das, was da kommt.

Erzählen Sie mal: Wie läuft das dann genau ab?
Uns ist wichtig, dass jeder kommen darf. Egal ob man schon weiß, wie man seinen Ruhestand verbringen möchte oder ob man noch nicht weiß, was dann kommt. Es wird keine Orgel geben. Wir haben ein Anspiel, Fürbitten, Segen und das alles in nur 35 Minuten. Und auch wenn St. Anna ein sehr stilvolles Ambiente hat, wollen wir keine „Upperclass“ daraus machen. Wir haben extra die St. Anna-Kirche gewählt, weil man sich da auch etwas verstecken kann. Alle, die sich einen Ruhestandssegen wünschen, sind deshalb herzlich eingeladen, auch wenn man dabei für sich sein möchte.
Was wir danach noch anbieten: Wer möchte, kann sich noch einen Einzelsegen holen. Dazu verteilen sich die Beteiligten im Kirchenschiff. Wer mag, kann kommen und dann sprechen wir dem- oder derjenigen einen persönlichen Segen zu.

Das klingt, als soll es wie bei einer Einschulung ein kleines Familienfest werden. Kann man denn Familie mitbringen?
Man darf seine Familie mitbringen, wenn man möchte. Ich habe einen Bekannten, der hat den Flyer gesehen und gesagt: „Super, da geh ich mit meinem Vater hin. Der ist vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen.“ Es kann aber auch jemand allein kommen. Was wir nicht wollen, ist die Werbetrommel nach dem Motto: „Sie sind im Ruhestand. Wollen Sie sich engagieren?“ Wir wollen einfach Dienst am Menschen tun. Deshalb gibt es auch keine Kollekte und keinen Klingelbeutel. Wir haben eine Schale für die Aktion „1 + 1 mit Arbeitslosen teilen“. Das passt ganz gut und das war’s. Trotzdem wird niemand gezwungen, da etwas hineinzulegen!
Im Anschluss gibt es ein meet and greet mit Pizza und Getränken. Passend zum Wochenabschluss am Freitag gibt es da auch ein Feierabendbier.

Herr Gottwald, vielen Dank für das Gespräch!

Veranstaltungsinformationen
Die Gottesdienstreihe beginnt am 1. April. Weitere Termine sind: 15. Juli 2022, 14. Oktober 2022, 13. Januar 2023, 31. März 2023 jeweils um 18.00 Uhr.
Weitere Informationen:  Teilnehmen darf jeder ohne Anmeldung. Kosten fallen keine an. Es gelten die aktuell in Augsburg geltenden Corona-Bestimmungen.

(Bild: Ulrike Henking)

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