„Da ist noch Luft nach oben“

NÜRNBERG. Die Energie-Geräte-Elektronikerin Tanja Haas braucht als Frau in einem Männerberuf Durchsetzungsvermögen. Sie ist freigestellte Betriebsrätin im Konzern der Städtischen Werke Nürnberg und seit 2006 verhandelt sie als Betriebsratsmitglied mit dem Arbeitgeber, erarbeitet Betriebsvereinbarungen und vieles mehr. In der Reihe „mitbestimmen“ hat der kda Bayern mit ihr über ihre Erfahrungen als Betriebsrätin gesprochen.

kda: Was motiviert dich, nach vier Amtsperioden wieder für den BR zu kandidieren?

Tanja Haas: Mein Antrieb ist das Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Als Arbeitnehmer*innen müssen wir uns solidarisieren, um gute Arbeit leisten zu können. Das heißt, wir arbeiten nicht nur fremdbestimmt. Wir wollen klarmachen, unter welchen Bedingungen wir arbeiten möchten, ein Gegengewicht zum Arbeitgeber sein. Ich habe über Jahre zu schätzen gelernt, dass ich Kolleg*innen in Not helfen konnte – auch wenn es persönlich Probleme und Konflikte gab. Da konnte ich Gutes bewirken, indem ich anderen zur Seite stehe und vermittelnd tätig bin.

Wofür willst du dich besonders engagieren – was ist dein Herzensanliegen?

Wir stehen bei der Energieversorgung unter Druck: Stellenabbau, Digitalisierung, Arbeitsverdichtung. Das alles wirkt sich sehr intensiv auf die Art des Arbeitens aus. Wie schaffen wir es, Veränderungen gut zu meistern, die Arbeitsbedingungen gut zu gestalten und negative Auswirkungen abzumildern? Wir wollen Transparenz und damit den Kolleg*innen die Angst nehmen, dass der Arbeitgeber sie überwacht. Dafür muss es Regeln geben. Zum Beispiel bei einem elektronischen Fahrtenbuch – da könnte der Arbeitgeber stark kontrollieren. Deshalb gibt es hierzu eine sehr detaillierte und ausführliche Konzernbetriebsvereinbarung, denn die Technik soll den Menschen unterstützen und nicht überwachen.

Was sind die Vorteile für Mitarbeitende und Unternehmen, wenn es einen Betriebsrat gibt?

Der Betriebsrat hilft, individuelle Konflikte zu versachlichen. Die Kontrahenten haben die Chance, wieder auf eine gute Arbeitsebene zu kommen. Das schützt die Beziehungen zwischen Kolleg*innen. Die Betriebsräte nehmen Impulse und Ideen der Belegschaft auf, zum Beispiel zur Arbeitszeit-Gestaltung. Und es werden Themen vorausschauend bearbeitet, wie etwa die Möglichkeit für Eltern, Teilzeit zu beantragen, um Familie und Arbeit besser zu vereinbaren.

Was war dein wichtigstes Erlebnis als Betriebsrätin?

Ich hatte einen starken Konflikt rund um eine Aufsichtsratswahl. Damals habe ich mich auf die Seite meiner Mentorin gestellt, die mich in den Betriebsrat reingebracht hat. Daraus ist ein Konflikt mit der Gewerkschaft und anderen Kolleg*innen entstanden. Das ist richtig eskaliert. Danach habe mich immer wieder gefragt, warum ist das passiert? Ich habe mich als Konsequenz als Konfliktberaterin ausbilden lassen und kann heute professionell damit umgehen. Inzwischen bin ich auch Wirtschaftsmediatorin. Die Fähigkeiten und Kenntnisse, die ich während der Betriebsratsarbeit erworben habe, haben mich auch in meiner persönlichen Entwicklung vorangebracht.

Frauen im Betriebsrat – was ist dir da besonders wichtig?

Ein Betriebsrat sollte die Belegschaft in ihrer ganzen Diversität abbilden: Jung und Alt, Frau, Mann, divers, verschiedene Nationalitäten. Denn Betroffenheit schafft Verständnis und ist gewinnbringend. Wenn junge Menschen ihr Problem direkt schildern, hat das eine andere Wirkung, als wenn man über Dritte redet. Bei uns liegt die Frauenquote im kaufmännischen Bereich bei 30 Prozent – im technischen Bereich nur bei fünf Prozent. Da herrscht nach meiner Erfahrung bisweilen noch ein seltsames Frauenbild. Oft geht es um den Umgang und die Sprache. Je mehr Frauen wir sind, desto mehr verändert sich der Umgang. Da gibt es noch Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung und gerade, was Frauen in Führungspositionen betrifft, ist noch Luft nach oben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Hanna Kaltenhäuser, wissenschaftliche Referentin, kda Bayern.

(Foto: privat)

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