Engpass gesundes Klinikpersonal und Intensivkrankenbetten

NÜRNBERG. Der Engpass für unsere Freiheit entstand durch den Mangel an gesundem Klinkpersonal und Intensivkrankenbetten. Kurzfristig lässt sich an den Kapazitäten wenig ändern. Aber wie haben sich die Anzahl der Betten und die Belastung des Klinikpersonals in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Eingeschränkte Freiheit wegen Flaschenhals

Unsere Freiheitsrechte sind stark beschnitten worden. Das war sicherlich die richtige Entscheidung, denn niemand will eine andere Person in die Lage bringen, zu entscheiden, welcher der beiden Patienten nun intensiv beatmet wird und welcher nicht. Das kann ein Todesurteil für die nichtbeatmete Person sein. Kurzfristig kann kaum etwas an der Anzahl an Intensivbetten oder von Pflegerinnen und Pflegern ändern. Wir müssen mit den Kapazitäten auskommen, die wir haben. Aktuell besteht der Flaschenhals, den wir nicht sprengen sollten, in der Anzahl der nutzbaren Intensivbetten. Er bestimmt, wenn es keine besseren Medikamente oder eine Impfung gibt, maßgeblich, wie lange die Freiheitsrechte beschnitten sind oder wie schnell sie wieder beschnitten werden.

Im Krankenhaussektor wurde in letzten Jahrzehnten viel gespart. Krankenhäuser schlossen, Bettenkapazitäten reduzierten sich. Die veränderten Rahmenbedingungen führten dazu, dass sich die Arbeit des Pflegepersonals verdichtete. Dieser Artikel versucht die Entwicklung anhand von Daten des Bundesamts für Statistik und des Bayerischen Landesamts für Statistik aufzuzeigen.

Pflegepersonal blieb ungehört

Klinikpersonal hat in der Vergangenheit immer wieder gestreikt oder gegen die Zustände in den Kliniken protestiert und Aktionen dagegen gestartet. Während die Ärztinnen und Ärzte immer mal wieder bei Politiker*innen Gehör fanden, haben sie die Bedürfnisse von Krankenpfleger und -pflegerinnen kaum gehört und noch seltener ernst genommen. Häufig gab es nur Lippenbekenntnisse der Politiker*innen. Geändert hat sich nichts. Viele sind frustriert, zumal sie nun an vorderster Front die Suppe auslöffeln sollen und dürfen.

Die Grafiken unten zeigen, dass der Protest und die Aktionen der Pflegenden nicht ungerechtfertigt waren. So hat auf der einen Seite die Patientenanzahl pro 100.000 Einwohnende zugenommen. Häufig hat der Personalstand je 100.000 Einwohnende nicht einmal diese Zunahme abgedeckt. Sichtbar wird auch der teilweise massive Rückgang an Krankenhäusern und Krankenhausbetten je 100.000 Einwohnende. Die größere Zahl an Patienten konnte bei abnehmenden Bettenkapazitäten nur dadurch gemeistert werden, dass sich die durchschnittliche Liegezeit eines Patienten massiv reduzierte. 1991 betrug sie in Deutschland noch 14 Tage. 2017 waren es nur noch 7,3 Tage. Dies macht deutlich, dass die Arbeitsverdichtung stark angestiegen ist. Notwendige Behandlungen, Untersuchungen und pflegerische Maßnahmen mussten nun in kürzerer Zeit erfolgen. Würde man die Arbeitsbelastung bei verkürzten Liegezeiten und Zunahme der Patientenzahlen in etwa gleich halten wollen, hätte das Pflegepersonal je 100.000 Einwohnende deutlich stärker ansteigen müssen, als die Patientenzahlen pro 100.000 Einwohnende. Dies ist nirgends der Fall gewesen.

Interpretationshinweise zu den Grafiken

Bevor die einzelnen Grafiken gezeigt werden, erfolgen an dieser Stelle einige Hinweise. Sie sollen bei der Interpretation und dem Verständnis der Grafiken helfen. Dies erfolgt anhand der Grafik für ganz Deutschland. Die allgemeinen Hinweise gelten jedoch für alle folgenden Grafiken.

Entwicklung im Krankenhausbereich in Deutschland von 1991 bis 2017
Entwicklung im Krankenhausbereich in Deutschland von 1991 bis 2017
Grafik: kda Bayern

Alle Zahlen sind auf jeweils 100.000 Einwohnende bezogen. Dieser Wert berücksichtig nicht nur Veränderungen in den absoluten Zahlen. Auch die Bevölkerungsentwicklung wird mitberücksichtigt. Während Krankenhäuser und Krankenhausbetten in allen betrachteten Regionen absolut zurückgegangen sind, gab es in allen Regionen eine Zunahme der Bevölkerung (außer in Oberfranken). Ein Wert von 100 würde bedeuten, dass sich die Versorgung der Bevölkerung im Vergleich zum Basisjahr nicht verändert hat. Läge der Wert bei 80, würde dies einem Rückgang von 20 Prozent entsprechen. Ein Wert von 120 entspricht einer Steigerung um 20 Prozent.

Patientenanzahl ein interessanter Vergleichswert

Die Entwicklung der Patientenzahlen ist ein interessanter Vergleichswert. Sie ist im Allgemeinen angestiegen. Die Gründe hierfür sind vielfältig, spielen aber in diesem Vergleich eine untergeordnete Rolle. Denn je mehr Patienten es gibt, desto mehr Betten und Personal sind nötig. Bei gleichbleibender Bettenzahl bedeutet eine steigende Patientenzahl entweder eine deutlich bessere Auslastung und/oder eine kürzere Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern. Deutschlandweit ist die Auslastung jedoch zurückgegangen. Sie sank von 84,1 Prozent im Jahr 1991 auf 77,8 Prozent im Jahr 2017. Während eine kürzere Verweildauer hilft, mit weniger Betten auszukommen, führt sie beim Personal zu erheblichen Arbeitsverdichtungen.

Dieser Arbeitsverdichtung kann man sich mit den von den Statistikämtern gelieferten Zahlen nur nähern. Aufzeigbar ist mit ihnen nur die Veränderung der Arbeitsverdichtung, die durch die Zunahme der Patienten entsteht. Durch den Vergleich der beiden Linien (Patientenzahlen und Pflegekräfte) ist dieser Teil gut sichtbar. Wäre also das Pflegepersonal genauso stark angewachsen wie die Patientenzahl würde das bedeuten, dass es durch das Mehr an Patienten zu keiner Arbeitsverdichtung gekommen ist. Liegt die Linie der Pflegekräfte darunter, so kann die Lücke zwischen den Linien als Ausmaß einer solchen Arbeitsverdichtung interpretiert werden.

Nicht jede Arbeitsverdichtung ist darstellbar

Nicht darstellbar ist die Arbeitsverdichtung, welche durch die verkürzte Liegezeit der Patienten entsteht. Dies bedeutet, dass selbst wenn es mehr Personal als Patienten gibt, muss das nicht zu einer Verbesserung der Pflege geführt haben. Dies wäre nur der Fall, wenn die pflegerisch notwendigen Maßnahmen, die im Krankenhaus durchgeführt werden, in gleichen Umfang wie die Liegezeiten zurückgegangen wären. Da sich die Liegezeiten aber im Vergleich zu 1991 um 50 Prozent reduziert haben, ist davon nicht auszugehen. Daher sind heute im Vergleich zu 1991 sicherlich mehr Pflegemaßnahmen in einer Zeiteinheit durchzuführen. Steht diesem höheren Personalbedarf keine entsprechende Personalzunahme gegenüber, so muss jede Pflegekraft pro Zeiteinheit mehr leisten.

Auch der Vergleich der Anzahl der Krankenhäuser bzw. der Pflegebetten mit den Patientenzahlen ist interessant. Je größer hier die Zahlen auseinanderfallen, desto mehr Patienten durchlaufen ein Krankenhaus beziehungsweise ein Krankenhausbett in einem Jahr. Je mehr Krankenhäuser es gibt, desto eher liegt auch eines in der Nähe. Dies ist wichtig, was die Fahrtzeiten im Notfall, aber auch die Erreichbarkeit für Besuch usw. angeht. Hat die Bettenzahl mehr als die Krankenhäuserzahl abgenommen, so wurden wohl eher größere Häuser geschlossen. Umgekehrt schlossen eher kleine Häuser.

Situation in Deutschland und Bayern

Deutschlandweit gibt es 2017 29,3 Prozent mehr Patienten als noch 1991. Das nichtärztliche Pflegepersonal ist aber nur um 8,9 Prozent angestiegen. Insgesamt kann anhand dieser Zahlen und den obigen Ausführungen davon ausgegangen werden, dass es eine erhebliche Arbeitsverdichtung beim Pflegepersonal gegeben hat. 2017 standen 21,9 Prozent weniger Krankenhäuser als 1991 zur Verfügung. Die Bettenanzahl ist sogar um 27,6 Prozent zurückgegangen. Umgekehrt bedeutet dies, hätte diese Zahl nicht abgenommen, hätten wir heute etwa 38,1 Prozent mehr Betten zur Verfügung.

Entwicklung im Krankenhausbereich in Bayern von 1992 bis 2017
Entwicklung im Krankenhausbereich in Bayern von 1992 bis 2017
Grafik: kda Bayern

Für Bayern gibt es eine ähnliche Entwicklung. Die Patientenzahl hat sich von 1992 bis 2017 um 20,6 Prozent erhöht. Das Pflegepersonal konnte im gleichen Zeitraum nur um 17,9 Prozent aufgestockt werden. Die Anzahl der Krankenhausbetten ist um 20,9 Prozent gesunken und die Anzahl der Krankenhäuser ist um 23,9 Prozent zurückgegangen. Ohne diese Abnahme würden uns in Bayern heute 26,4 Prozent mehr Betten zur Verfügung stehen. Das sind Größenordnungen, die in einer Pandemie sich schnell bemerkbar machen.

Die Situation in den einzelnen Regierungsbezirken können Sie den folgenden Grafiken entnehmen. In allen Regierungsbezirken ist die Bevölkerung im Betrachtungszeitraum angewachsen. Nur Oberfranken bildet hier eine Ausnahme. Dort hat die Bevölkerung zwischen 2004 und 2014 so stark abgenommen, dass der Bevölkerungsanstieg zwischen 1992 und 2003 sowie seit 2015 dies nicht ausgleichen konnte.

Entwicklung im Krankenhausbereich in Mittelfranken von 1992 bis 2017

Hausgemachte Situation

Die Jahrzehnte des Abbaus, welcher aus den Grafiken zu entnehmen ist, haben den aktuellen Flaschenhals im Gesundheitswesen weiter verengt. Welche wirtschaftlichen Kosten durch diesen Flaschenhals aktuell entstehen, lässt sich nur nicht genau sagen. Bei den Größenordnungen, die aktuell als Rettungspakete und Rettungsschirme diskutiert werden, wird jedoch schnell deutlich, dass sie immens sind. Hinzukommen die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten. Aber auch Angst- und Beklommenheitsgefühle oder das Unwohlseins von vielen Bürger*innen kommt hinzu. All das lässt sich nicht nicht sinnvoll in Geld bemessen. Sie sind deshalb aber nicht von geringerer Bedeutung.

Insgesamt dürften die Kosten und Nachteile so groß ausfallen, dass sie die Höhe der vorherigen Einsparungen im Gesundheitswesen schnell erreichen oder sogar übertreffen könnten. Auf jeden Fall dürfte aber klar sein, dass sich eine dauerhaft gute und auch für Krisen gerüstete Gesundheitsversorgung mit guten Arbeitsbedingungen leichter finanzieren lässt. Denn die Kosten dafür fallen kontinuierlich an. Sie müssen nicht innerhalb kürzester Zeit finanziert werden, wie die Monsterkosten einer Krise. Daher bleibt zu hoffen, dass im Bereich der Gesundheitsversorgung genauso wie in anderen Bereichen umgedacht und nach der Krise entsprechend anders gehandelt wird.

Titelbild: Branimir Balogović/ Unsplash

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