Kreativität braucht Vernetzung – wie Kulturschaffende in der Coronazeit ums Überleben kämpfen

NÜRNBERG. Corona ist ein Anstoß, in Zukunft Vieles besser zu machen. Das Virus, das unser soziales Leben derzeit noch lähmt, könnte Bewegung in manche arbeitsweltlichen und gesellschaftlichen Fragen bringen. Der neue kda report 2020 widmet sich deshalb dem, was wir aus der Krise lernen können. Thomas Krämer schreibt über die Lage der Kulturschaffenden, für die ein Lockdown vielfach einem Arbeitsverbot gleichkommt. Die Absicherung der Soloselbständigen in der Krise ist minimal. Wie wirksam sind die bisherigen Soforthilfen?

Gedankenspiel

Zu Beginn ein kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre Berufung zum Beruf gemacht. Und das, obwohl Sie nicht viel damit verdienen. Mit ihren jährlichen Einnahmen kommen sie so über die Runden, und wenn es gut läuft, können Sie ein wenig Rücklagen für Ihr Alter bilden. Doch von einem auf den anderen Tag, können Sie dem Beruf nicht mehr nachkommen. Sie haben keine Einnahmen mehr. Essen, Trinken, Miete, Versicherungen und alle anderen Ausgaben müssen Sie aus den Rücklagen bestreiten. Kurz: Sie fallen vollkommen unverschuldet in eine schlimme existenzielle Krise. Schlimmer noch, sie haben keine Möglichkeit mehr, Ihrer Berufung nachzukommen.
So fühlen sich Künstler*innen, Veranstalter*innen und viele andere, die im Verborgenen wirken, wie zum Beispiel Sound- und Lichttechniker*innen, Bühnenbauer*innen.

Hilfen helfen nicht

Am 27. März stellte die Bundesregierung die wirtschaftliche Soforthilfe vor. Nach einigem Kommunikationschaos wurde klar, dass diese Soforthilfe, wie auch die spätere Überbrückungshilfe nur für Betriebskosten verwendet wer- den darf. In Bayern trat die Corona-Soforthilfe bereits am 19. März in Kraft und wurde am 31. März geändert. Die Änderung stellte unter anderem auch hier klar, dass davon nur Betriebsausgaben gedeckt werden können. Die meisten Ausgaben betreffen bei Künstler*innen jedoch den eigenen Lebensunterhalt. Bis heute sicherten und sichern all diese Programme aber nicht die Ausgaben für Miete, Lebensmittel oder Kranken- und Rentenversicherung. Eine Katastrophe für fast alle Künstler*innen. Die existentielle Krise ging unvermindert weiter.
Erst am 19. Mai legte die bayerische Landesregierung ein Hilfsprogramm für Künstler*innen auf. Für maximal drei Monate konnten jeweils maximal 1.000 Euro für den Lebensunterhalt beantragt werden. Leistungen aus der Soforthilfe wurden allerdings angerechnet. Das Programm hilft also nur denen, die keine Soforthilfe beantragt oder weniger als 3.000 Euro Soforthilfe erhalten haben. Durch diese Verrechnung bewertet die bayerische Regierung die Zahlung einer Leasingrate wichtiger, als die Zahlung der Miete. Das Künstlerhilfsprogramm endete im September.
Ist der Lebensunterhalt nicht gesichert, soll Hartz IV beantragt werden. Ein vereinfachtes Antragsverfahren wurde geschaffen. Es läuft noch bis März 2021. In der Praxis wurde dieses Verfahren teilweise verweigert. Vielen fehlt die Kraft für einen Widerspruch. Ohne dieses vereinfachte Verfahren, müssen gegebenenfalls Altersvorsorge oder vorhandenes Betriebsvermögen verkauft werden. Ohne letzteres ist eine Wiederaufnahme der Tätigkeit nach der Krise jedoch nicht mehr möglich. Die Folge: Kunst und Kultur sterben.

Wen hat es besonders betroffen?

Nicht alle Kulturschaffende hat die Krise gleichermaßen getroffen. Darstellende Künstler*innen, Musiker*innen und der Veranstaltungsbereich leiden besonders unter der Krise. Nicht sel- ten hatten sie über Monate hinweg gar keine Einnahmen. Bei bildenden Künstler*innen ist die Lage unterschiedlich. Die Bereiche Medien, Literatur, Design, Raumkunst und Architektur sind geringer betroffen als andere.
Schwierig ist die Situation insgesamt für alle, die in der Regel in der Sommer- saison Rücklagen bilden. Vielen ist bis heute unklar, wie sie über den Winter kommen sollen. Ebenso hart ist es, wenn alle diversifizierten Einnahmequellen durch die Verbote verloren gegangen sind. Niemand hatte damit gerechnet, dass sich in allen Bereichen gleichzeitig kein Geld verdienen lässt. Aber auf einmal waren neben den Auftritten auch die Zusammenarbeit mit Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Privatunterricht und vieles andere nicht mehr möglich.

Künstliche Alternativen

Auch wenn es aufgrund der existenziellen Ängste nicht einfach ist, sind Kulturschaffende per se kreative Menschen. Viele versuchen deshalb neue Wege zu gehen. Allen voran sind dies digitale Angebote, sofern die Kunst ins Digitale überführt werden kann. Musik lässt sich besser digital verbreiten als beispielsweise artistische Darbietungen.
Neben der direkten Vermarktung gibt es die Möglichkeit, digital Förder*innen zu gewinnen. Hierzu werden Videos vom Üben bis hin zum Geschichtenerzählen aufgenommen, Dinge gebastelt oder designed und an besonders großzügige Förder*innen nach einer entsprechenden Förderdauer postalisch versendet. Die Ausfälle kann das nicht auffangen. Aber das entstehende Taschengeld hilft, weil einfach jeder Euro hilft. Viele erhoffen sich darüber hinaus Wertschätzung und Wahrnehmung, die ansonsten durch das Publikum erfolgt.
All diesen Angeboten haftet jedoch etwas Künstliches an. Das gilt sowohl auf Seite der Zuschauer*innen als auch auf Seiten der Kulturschaffenden. Sie können ein Live-Konzert, eine Darbietung vor oder gar mit dem Publikum, eine Ausstellung oder eine Performance nicht ersetzen.

Hilfen, die helfen

Hilfen, die besser in der existentiellen Notlage helfen, gibt es in Baden-Württemberg. Hier kön- nen alle Solo-Selbstständigen, auch Künstler*innen, neben den Betriebskosten einen fiktiven Unternehmerlohn in Höhe von bis zu 1.180 Euro pro Monat beantragen. Mit diesem „Einkommen“ können dann die Lebenshaltungskosten bestritten werden.
Ebenfalls wichtig sind erste Veranstaltungen. Auflagenbedingt waren sie bisher meist klein von den Besuchszahlen und groß von der benötigten Fläche. Niemand kann mit solchen Formaten die ausgefallenen Einnahmen ersetzen. Sie mildern bestenfalls die finanziellen Sorgen, nehmen sie aber nicht. Aber sie sind ein wichtiger Hoffnungsschimmer und Kontakt zu Publikum und/oder Käufer*innen entsteht.
Es bleibt zu hoffen, dass der am 14. Oktober bekannt gewordenen Plan des Bundeswirtschaftsministers, die Überbrückungshilfe zu verlängern, tat- sächlich kommt und dann auch einen fiktiven Unternehmerlohn enthält.

Was hat die Corona-Krise Positives gebracht?

Viele aktiv Betroffene erkennen nichts Positives. Vielleicht ist dazu die existenzielle Krise noch zu akut oder nah. Viele sehen in der Krise ein Brennglas, das die Probleme verdeutlicht, die auch ohne Krise bestehen. Für den Bereich der Kulturschaffenden sind das die geringe Bezahlung und die damit verbundene mangelnde Alterssicherung, aber vor allem die mangelnde Absicherung gegen Erwerbslosigkeit. Zugleich zeigt sich, wie wichtig die Künstlersozialkasse für deren Mitglieder ist. So müssen sie sich zumindest um ihre Krankenversicherung keine Sorgen machen.
Mit etwas Abstand erkennt man zudem eine positive Entwicklung. Die Vernetzung von Künstler*innen erreicht neue Dimensionen: Sie erheben gemeinsam politische Forderungen und treten füreinander ein. Beispiele hierfür, die sich erst im Zuge der Pandemie gebildet haben, sind die „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“, „Künstler! Hilfe! Jetzt!“ oder „#AlarmstufeRot“.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf mehreren Einzelgesprächen mit Künstler*innen, Vertreter*innen von Verbänden und Zusammenschlüssen von Kulturschaffenden sowie Recherche zu Hilfsprogrammen und zur Künstlersozialkasse.

(Foto: Conor Samuel/ Unsplash)

 

, , ,

Meldungsarchiv

Vorheriger Beitrag
Heilige Ruh‘
Nächster Beitrag
Helfen ohne Hürden – Paradigmenwechsel im Jobcenter

Ähnliche Beiträge

Menü