Erfolg durch Ethik? Rückblick auf die Industriemeistertagung 2022

BEILNGRIES-PAULUSHOFEN. Wie gelingt ethisches Handeln im Wirtschaftsleben? Und woran scheitert es manchmal? Darüber diskutierten 50 Teilnehmende bei der diesjährigen Kooperationstagung des bayerischen Industriemeisterverbandes und des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt.

Als die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young am 18. Juni 2020 mitteilte, dass in den Bilanzen der Wirecard AG satte 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar waren, wurde der Öffentlichkeit klar, dass der Erfolg des bayerischen Vorzeigeunternehmens aus Aschheim eine bloße Luftnummer war. Der Finanzdienstleister war mit Lug und Trug und schamlosen Fantasiebilanzen bis in den Dax aufgestiegen. Nach dem Platzen der Blase war das Unternehmen bald Geschichte. Der frühere Konzernchef Markus Braun muss sich derzeit vor dem Münchner Landgericht dafür verantworten.

Bessere Kontrolle, weniger Betrug

Dieses vielleicht krasseste Beispiel wirtschaftsethischen Versagens analysierte der Landtagsabgeordnete Helmut Kaltenhauser bei der diesjährigen Industriemeistertagung, die am 5. und 6. November in Paulushofen stattfand (s. Programm_Erfolg durch Ethik_Industriemeistertagung 2022). Der FDP-Politiker aus Aschaffenburg ist Wirecard-Kenner. Er stellte in den vergangenen Jahren zahllose parlamentarische Anfragen im Bayerischen Landtag, um mehr Licht insbesondere in die politischen Verstrickungen des Konzerns und das Versagen der Aufsichtsbehörden zu bringen. Kaltenhausers Fazit bei der Tagung: Menschen mit betrügerischen Absichten wird es immer geben, man darf es ihnen nur nicht so leichtmachen. Die Kontrolle müsse besser und effektiver werden. Zur Aufdeckung von Missständen brauche es zudem Whistleblower. „Kritik muss gehört und darf nicht mundtot gemacht werden“, sagte Kaltenhauser. Es hätte ehrliche Mitarbeiter bei Wirecard gegeben, die sich jedoch nicht getraut hätten, ihren Betrugsverdacht zu melden. Hier brauche es mehr Schutz und auch Belohnung für Hinweisgeber.

Ethische Standards mit großer Wirkung

Firmen mit ausgeprägter krimineller Energie bilden die Ausnahme. Doch auch für die Wirtschaft insgesamt stellt sich die Frage, wie Unternehmen ethischer werden können – im Sinne größerer sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Professor Bernhard Bleyer, Leiter des Instituts für Angewandte Ethik in Wirtschaft, Aus- und Weiterbildung an der Universität Passau, erklärte in Paulushofen die neuen internationalen Standards der Nachhaltigkeit, die aus seiner Sicht tatsächlich substanzielle Fortschritte bringen werden. Gesetze wie das „CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz“ oder das „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“ klingen sperrig, sind aber in der Lage, große Wirkung zu entfalten. Bleyer zeigte in seinem Vortrag insbesondere, wie Unternehmen mit Hilfe von Onlinetools ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung konkret angehen können. Praktisch ist zum Beispiel das Infoportal „Menschenrechtliche Sorgfalt“ , das Unternehmen dabei unterstützt, menschenrechtliche Risiken in ihren komplexen Wertschöpfungsketten besser einzuschätzen.

„Mitarbeiter sind das Gold des Unternehmens“

Die unternehmerische Perspektive durfte bei diesem Thema nicht fehlen. Darüber, „Wie man Werte im Betrieb verankert“, sprach der Firmengründer Richard Gruber, Chef der Richard Gruber GmbH aus Reisbach. Grubers Unternehmen ist mit gerade einmal sieben Mitarbeitenden ein führender unabhängiger Anbieter von Analysen und Trainings zu industrieller Verbindungstechnik. Es geht um hochspezialisierte Schrauben, wie sie zum Beispiel tausendfach und hochsicherheitsrelevant in Autos stecken. Ethische Spannungsfelder hinsichtlich seiner Dienstleistungen entstehen für den Unternehmer unter anderem, wenn es um Militärtechnik geht. Hinsichtlich der sozialen Verantwortung für seine Mitarbeitenden sieht Gruber die Balance von Arbeit und Freizeit, von Leistungsdruck und Familienleben als ethische Herausforderung. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden hat er Unternehmensgrundsätze formuliert, die Performance und Menschlichkeit in Einklang bringen sollen. Dazu gehört etwa „Good money for good people“ – überdurchschnittliche Bezahlung für gute Leistungen, eine offene Kommunikationskultur, die zugleich direkt und respektvoll ist, oder das Versprechen, langfristig in die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden zu investieren. „Langfristige Mitarbeiter sind das Gold unseres Unternehmens“, sagte Gruber.

„Keine Angst vor der Wahrheit!“

Am Sonntag, dem zweiten Tag der Veranstaltung, eröffnet traditionell eine Theologin oder ein Theologe eine zusätzliche Perspektive auf das Tagungsthema. „Du sollst nicht lügen – wie weit gilt das 8. Gebot in der Arbeitswelt?“ lautete die Themenstellung von kda-Pfarrer Peter Lysy in diesem Jahr (s. Vortrag Lysy_Du sollst nicht lügen). Dass im Geschäfts- und Arbeitsleben nicht alle Menschen aufrichtig miteinander umgehen, ist kaum zu bestreiten. Aber ist es schon eine Lüge, fragt Lysy, wenn ein Verkäufer die Vorteile seines Produktes anpreist und die Nachteile verschweigt? Der Theologe erläutere biblisch und praktisch die Grenzfälle des Lügens und benannte auch die glasklaren Lügen, wie den VW-Abgasbetrug, die zerstörerische Wirkung entfalten und auch durch ökonomische Argumente wie „Sicherung von Arbeitsplätzen“ nie gerechtfertigt werden können. „Die beste Prävention vor der Lüge ist es, keine Angst vor der Wahrheit zu haben“, empfahl Lysy.

Nächste Industriemeistertagung am 4.-5.11.2023

Die Industriemeistertagung ist ein jährliches gemeinsames Angebot von imv Bayern und kda Bayern zu aktuellen gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Themen. Sie richtet sich insbesondere an Mitglieder der Industriemeistervereinigungen, aber auch an betriebliche Führungskräfte, die dort (noch) nicht Mitglied sind. Organisatoren sind Bernhard Fürst, 1. Vorsitzende des Industriemeisterverbands Bayern, Markus Röhrig von der Industriemeistervereinigung Niederbayern und Philip Büttner vom kda Bayern. Die nächste Tagung wird am 4. und 5. November 2023 wieder im Landgasthof Euringer in Beilngries-Paulushofen stattfinden, das Thema ist noch offen.

Bild: Bernhard Fürst, Philip Büttner, Prof. Dr. Bernhard Bleyer und Dr. Markus Röhrig, Quelle: imv Bayern

Ethik, Betrieb, Wandel der Arbeitswelt

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