„Hoffnung ist wie ein Booster“

MÜNCHEN. „Brennglas Corona“ – unter dieser Überschrift diskutierten Vertreter*innen aus Gewerkschaft, Kirche und Politik beim diesjährigen Sozialpolitischen Buß- und Bettag in München, vor welchen sozialpolitischen Herausforderungen München im Angesicht der Corona-Krise derzeit steht. Wie auch im vergangenen Jahr musste die Kooperations-Veranstaltung des kda Bayern mit dem Prodekanat München-Nord kurzfristig von der Olympiakirche in den virtuellen Raum verlegt werden.

Kinder in Not

Andrea Betz, Vorständin bei der Diakonie München/Oberbayern, schilderte eindrücklich, wie Kinder und Jugendliche von der Corona-Pandemie betroffen sind. Bei den ganz Kleinen zeige sich ein großes Defizit bei der Sprachentwicklung, die Älteren litten unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen und Essstörungen. „Gerade auch in Flüchtlingsunterkünften beobachten wir das sehr stark“, so Betz.

Jedoch sei die Situation von Kindern nur ein Feld, wo die sozialen Folgen der Pandemie deutlich würden. Daher haben mehrere Münchner Sozialverbände im Sommer ein Münchner Manifest veröffentlicht, in dem sie die Politik auffordern, nicht im Sozialen zu sparen. Vielmehr müsse jetzt gezielt in Angebote investiert werden, die durch die Pandemie besonders überlaufen sind wie Schuldner- oder Erziehungsberatungstellen.

Zugleich benannte sie drei Aufgabenschwerpunkte für die Diakonie. Sie sei gefordert, ganz praktisch an der Seite der Menschen zu stehen, sie sei gefragt als Anwältin für die Menschen, die sich nicht selbst zu helfen wissen, und sie habe ihre Mitarbeitenden, auch die Ehrenamtlichen zu stärken und sicher durch die Krise zu führen.

Polarisierung des Arbeitsmarktes

Simone Burger, Vorsitzende des DGB München, beschrieb die beiden Pole, in die sich die Arbeitnehmerschaft während der Pandemie aufgeteilt hat. „Auf der einen Seite haben wir ein sehr breites Spektrum von Bereichen, die viele Überstunden geschoben habe, wie in der Pflege oder in den Gesundheitsämtern, auf der anderen Seite haben wir Bereiche mit sehr hoher Unsicherheit.“ So wurden Mitarbeiter*innen in der Gepäckabfertigung längerfristig in Kurzarbeit geschickt. Da auf das Kurzarbeitergeld jedoch die dort üblichen Wochenend- und Nachtzuschläge nicht angerechnet werden, mussten viele aufstocken.

Auch im öffentlichen Dienst der Stadt München zeigte sich diese Polarisierung. Während Theatermitarbeiter*innen in Kurzarbeit geschickt wurden, kam das Bauamt mit seiner Arbeit nicht hinterher – auch weil Stellen wegen der Finanzlage nicht besetzt wurden. Hier müsse ein neuer Ansatz für die kommunale Finanzierung gefunden werden, denn „München hatte schon vor Corona ein Problem mit den Finanzen, obwohl es eine prosperierende Stadt ist. Das, was eine Stadt braucht, damit sie funktioniert und für die Bürgerinnen und Bürger komplett da ist, muss doch finanziert werden.“

Zudem beschrieb Burger, dass die Krise aufgezeigt habe, was die neuralgischen Punkte in der Arbeitswelt sind. So brauche es in allen Bereichen wieder mehr Tarifverträge, um gute und gut bezahlte Arbeit zu haben. „Arbeit hat einfach einen Preis.“, so Burger. Zugleich müssten die Arbeitsbedingungen wieder humaner gestaltet werden, gerade in Bereichen, in denen sich Arbeit massiv verdichtet habe. Schließlich müsse die Gesellschaft Beschäftigten wieder mehr Respekt und Solidarität zollen für das, was sie täglich in ihren Jobs leisten.

Auf beengtem Raum

Delija Balidemaj, Mitglied im Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl, beschrieb die Situation im Münchner Norden. „Corona hat in unserer Gegend fast wie ein Katalysator gewirkt.“ So haben viele ihre Arbeit in der Krise verloren, seien unter die Armutsgrenze gerutscht, die beengten Wohnverhältnisse ließen Konflikte eskalieren und machten Home Schooling kaum möglich. Dabei, so Balidemaj, würden sich Menschen mit Migrationshintergrund sowieso schon „auf die Seite geschoben fühlen.“

Das zeige sich auch auf dem Arbeitsmarkt. „In München haben 45 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund, aber nur 7 Prozent der Angestellten im öffentlichen Dienst.“ Hier könne die Stadt München mehr tun. Und in der Lokalpolitik sollte eine bessere Repräsentation von Migrant*innen das Ziel sein. „In den Bezirksausschüssen haben jeweils vielleicht ein, zwei, maximal drei Mitglieder Migrationshintergrund.“

Erschwerte Nähe

Für Felix Reuter, Dekan im Prodekanat München-Nord, wurde in der Pandemie deutlich, wie sehr die Kirche vom persönlichen Kontakt lebe. Da körperliche Nähe schwierig bis ausgeschlossen war, war „viel Kreativität gefordert“ bei der Kontaktpflege mit Gemeindegliedern oder bei Taufen und Beerdigungen. „Wir waren als Kirche Orte, die durch die Pandemie offengeblieben sind – GottseiDank“. Dabei wurde der große Bedarf an Seelsorge und Unterstützung deutlich. Um diesem zu begegnen, haben manche Kirchengemeinden ihre Mitglieder abtelefoniert, um zu fragen, wie es ihnen geht, andere führten Einkaufsaktionen für Menschen in der Nachbarschaft durch.

Und mit der zur Diakoniekirche umgebauten Evangeliumskirche soll ab kommendem Jahr im Münchner Norden ein „besonderer Versammlungsort und Anlaufpunkt für Menschen in allen möglichen Lebenslagen werden mit Räumen für Beratung und Gespräche, wo die Schwelle niedrig ist.“ Die Coronapandemie zeige, dass solche Räume gebraucht werden.

Passend dazu Reuters Worte in seiner den Abend abschließenden Andacht. Bezogen auf das Wort des Propheten Jesaja „Wer im Finstern wandelt und wem kein Licht scheint, der hoffe auf den Namen des Herrn.“ (Jesaja 50,10) sagte der Dekan: „Es wird in diesem Wort noch einmal gebündelt, was unsere gemeinsame sozialpolitische Verantwortung ist: Für die, für die kein Licht scheint, eine Hoffnungsdimension zu eröffnen. Denn Hoffnung ist wie ein Booster, den Menschen dringender brauchen als alles andere.“

(Foto: Andrea Piacquadio/ Pexels)

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