Multireligiöser Workshop zur Sonntagsruhe

Nürnberg. Unter der Leitung von Pfarrer Johannes Rehm startete beim Kirchentag ein interreligiöser Dialog zum Thema „Sonntagsschutz in der multikulturellen Gesellschaft“.

In seinem Einführungsvortrag erläuterte Philip Büttner, wissenschaftlicher Referent beim kda, den Rechtsstatus der Sonntagsruhe, die mit der Verankerung im Grundgesetz in Deutschland Verfassungsrang genießt. Es bestünden zwar Ausnahmeregeln für Sonntagsarbeit, etwa für die gesellschaftlich notwendige „Arbeit trotz Sonntagsruhe“ (z.B. bei der Polizei oder in der Pflege) oder die wünschenswerte „Arbeit für die Sonntagsgestaltung“ (z.B. in der Unterhaltung, in der Kirche). Aber vier von fünf Erwerbstätigen in Deutschland hätten an Sonn- und Feiertagen immer frei. „Das in seinen Ursprüngen biblische Gebot der Arbeitsruhe entfaltet heute, in der modernen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts, immer noch eine gewaltige Prägekraft“, so Büttner. Damit das auch so bliebe, engagiere sich der kda Bayern gemeinsam mit den Gewerkschaften und katholischen Partner*innen in der Allianz für den freien Sonntag.

Strengere Regeln für die Sabbatruhe

Dr. Antje Yael Deusel, Rabbinerin aus Bamberg, berichtete von dem im Vergleich zum Christentum deutlich strengeren Verständnis von „Ruhe“ im Judentum. Am jüdischen Sabbat, also von Freitagabend bis Samstagabend, solle nicht nur die Erwerbsarbeit ruhen, sondern jede Form von „schöpferischer“ Tätigkeit. Dazu gehöre z.B. auch das Malen, das Schreiben, das Pflanzen oder ebenso das Ausreißen von Pflanzen. Neulich, berichtete die Rabbinerin, habe sie in ihrer Gemeinde den Hausmeister dabei erwischt, wie er heimlich am Samstag den Rasen mähte. „Das war ihm sehr peinlich, er wollte halt den Sonntag gern frei haben“, berichtete die Rabbinerin im schönsten Fränkisch unter den Lachern des Publikums. „Er ist Christ, na gut, darf er ja sein.“ Es ginge der jüdischen Gemeinde am Sabbat mit dem Ruhegebot um viel mehr als nur ums Ausschlafen oder um „Friede, Freude, Feiern“. Man müsse auch spirituell etwas mitnehmen aus dieser Ruhe. Der Sonntag sei für sie, so Deusel, dagegen ein Arbeitstag, an dem sie auch gern einkaufen können würde.

Sonntag wird auch von Muslim*innen als wohltuende Unterbrechung des Alltags erlebt

Gönül Yerli, Vizedirektorin des Islamischen Zentrums Penzberg, widmete sich in in ihrem Vortrag dem Freitag als Tag der Versammlung der Muslim*innen und dessen Kern, dem Freitagsgebet. Das Gebet werde nach dem Stand der Sonne minutiös versetzt, rund um den Globus von Gläubigen über den Tag hinweg praktiziert. Schon zwischen Nürnberg und München gebe es da einen Zeitunterschied von zwei Minuten. So bete die weltweite Glaubensgemeinschaft der Muslime den ganzen Tag über. Die islamische Religionspädagogin aus dem katholischen Oberbayern, die das Vaterunser als eines ihrer Lieblingsgebete bezeichnete, fühlt sich als in Deutschland aufgewachsene Muslim auch mit dem Sonntag verbunden. Der Sonntag sei auch für die mittlerweile 5,6 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland ein wichtiger, wohltuender Tag in der Woche, der den Alltag unterbreche. „Wir sind doch in den Industriegesellschaften heute oft Gejagte. Es braucht ein Arrangement für die Ruhe.“

Der Sonntag darf nicht baden gehen

Mitveranstalter Pfarrer Dr. Hans-Christoph Gossmann von der Jerusalem-Gemeinde Hamburg erläuterte in seinem Beitrag das dritte Gebot, die biblischen Wurzeln des Sonntags und dessen Etablierung als Tag des Gottesdienstes und der Arbeitsruhe in den frühchristlichen Gemeinden. Gossmann zitierte dabei aber auch aus einem kirchlichen Faltblatt zur heutigen schleswig-holsteinischen Bäderverordnung mit dem Titel „Damit der Sonntag nicht baden geht“. Darin wird deutlich, warum der Sonntag nicht nur Christinnen und Christen dient, sondern allen Menschen, egal ob und wenn ja zu welcher Religionsgemeinschaft sie gehören: „Der Sonntag ist ein Stück menschlicher Freiheit! Am Sonntag sind die Menschen frei von den Ansprüchen der Arbeits- und Geschäftswelt. Es ist nicht der Tag fürs Kaufen und Verkaufen. Es ist der Tag für die Dinge, die sich ökonomisch nicht rechnen.“

Austausch für mehr interreligiöse Solidarität beim Feiertagsschutz

Im Nachgespräch von Teilnehmenden und Referierenden entstand die Idee, bei dem Thema im Austausch zu bleiben, auch um die interreligiöse Solidarität in Fragen des Feiertagsschutzes weiterzuentwickeln. Es sei wichtig, so die einhellige Meinung, Erwerbstätige jüdischen und muslimischen Glaubens, die Teilnahme am Gottesdienst bzw. am Freitagsgebet zu erleichtern. Hier könne es in der Arbeitswelt auf betrieblicher, tariflicher oder rechtlicher Ebene bessere Regelungen geben als bisher.

Bild: Roland Hacker, kda Bayern

Migration, Arbeitsbedingungen, Sonntagsschutz

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