Das Trojanische Pferd der Sachlichkeit

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Sage, in der erzählt wird, wie die Griechen die Stadt Troja eroberten. Sie bauten ein großes hölzernes Pferd, stellten es vor den Eingang der bis dato uneinnehmbaren Stadt und täuschten ihren Abzug vor. Die Trojaner, gierig oder neugierig, kassierten dieses Pferd ein. Sie ahnten jedoch nicht, was sie sich dabei an Land gezogen hatten. Denn im Bauch des Pferdes lauerten bis an die Zähne bewaffnete Feinde. Diese schlugen mitten in der Nacht zu. Das Ende von Troja war besiegelt.

Von „Trojanischen Pferden“ oder „Trojanern“ spricht man bis heute dann, wenn in etwas, was als schön, hilfreich oder gut erscheint, eine zerstörerische Gefahr verborgen ist. Dieses Bild verwendet auch der Kommunikationspsychologe Schulz von Thun, um etwas zu illustrieren, was im Arbeitsleben tagtäglich geschieht. Er nennt es „das Trojanische Pferd der Sachlichkeit“.

Das Arbeitsleben gilt gemeinhin als Sphäre der Sachlichkeit, der Nüchternheit, der Aufgabenerledigung. Ist sie ja auch, aber eben nicht nur. Wo Menschen sind, da menschelt’s. Und wo es menschelt, geht es nie nur um die Sache. Dieses Menscheln gehört übrigens von Anbeginn zum Menschsein. Denn Gott schuf den Menschen nicht als alleinigen Sachverwalter, sondern zu zweit, im Team (Genesis 1,27). Selbst Adam und Eva hatten sich schon zu arrangieren.

Die emotionale und soziale Dimension spielen daher auch im Arbeitsleben immer eine Rolle: ob man sich eben „riechen kann“ oder nicht, ob das Gegenüber einem schon mal „auf den Schlips getreten“ ist oder „schöne Augen gemacht“ hat, ob einer mit seinem Anliegen „auf die Nerven geht“ oder „den Nerv getroffen“ hat, einem „in den Ohren liegt“ oder „etwas eingeflüstert“ hat – und welches „An-Sehen“ der andere genießt („Silberrücken“, „Herdentier“ oder „Sündenbock“).

Unsere Sprache erinnert uns in solchen Ausdrücken an die sehr körperliche Seite der Dimensionen, die neben der Sachebene im Arbeitsleben eine Rolle spielen. Körperlich deswegen, weil wir dann auch nicht einfach „aus unserer Haut“ können. Wir sind nun einmal unter anderem „Erde vom Acker“ (Genesis 2,7) und damit mit der Welt in und um uns aufs Tiefste verwoben.

Wer dies nicht im Blick hat, wer es sogar in Bausch und Bogen ablehnt, dass es im Arbeitsleben auch emotional und körperbetont zugeht, dass Herzlichkeiten ausgetauscht und Nasen gerümpft werden, dass die Wände Ohren haben und auf den Gängen Stolpersteine liegen, dass Spiele gespielt, Bündnisse geschlossen und Schlachten geschlagen werden, der läuft Gefahr, genauso wie die Trojaner einfach überrumpelt zu werden.

Daher ist es sinnvoll, diese Dimensionen in den Blick zu bekommen, hinnehmen und wahrnehmen zu lernen, dass sie nun mal da sind. Nur dann kann man ihnen das Überraschungsmoment nehmen. Nur dann kann man sich zu ihnen so verhalten, dass sie ihre zerstörerische Kraft verlieren. Nur dann kann man auch tatsächlich bei der Sache bleiben.

Pfarrer Peter Lysy, stellvertretender Leiter kda Bayern

Bild: Andrey Popov via Canva

Geistliches, Arbeitsbedingungen, Betrieb, Konflikt

Meldungsarchiv

Vorheriger Beitrag
Unser Auftrag: Gastfreundschaft!
Nächster Beitrag
Wir transformieren Bayern!

Ähnliche Beiträge