„Der Begriff Jobcenter erzeugt Angst“ – Gespräch mit Mike Gallen, Arbeitslosenseelsorger

MÜNCHEN. Für viele Erwerbslose ist das Jobcenter einerseits Garant ihres Lebensunterhalts, andererseits aber auch Gegenstand von Angst und Misstrauen. Was müsste sich in dieser Behörde ändern? Für das bundesweite Projekt Jobcenter der Zukunft hat der kda Bayern Praxis-Expert*innen danach gefragt. Lesen Sie hier ein Interview mit Mike Gallen, dem (kürzlich in den Ruhestand gegangenen) katholischen Arbeitslosenseelsorger von München.

kda Bayern: Herr Gallen, beschreiben Sie bitte einmal, welche Kontakte Sie in Ihrer Funktion als Arbeitslosenseelsorger zum Jobcenter haben.

Mike Gallen: Wenn einer meiner Besucher Probleme mit dem Jobcenter hat, versuche ich unmittelbar mit den betreffenden Mitarbeitenden des Jobcenters oder mit ihren Vorgesetzten in Kontakt zu kommen und vielleicht etwas zu bewirken. Oder ich begleite Menschen, die verunsichert sind, direkt mit ins Jobcenter.

Das heißt, Sie gehen einfach mit zu den Gesprächen und hören zu?

Genau! Beziehungsweise ich organisiere immer wieder andere Menschen, die mitgehen. Das ist auch eine der wichtigen Funktionen unserer Arbeitslosengruppe. Es wird immer wieder berichtet, dass es die Gespräche verändert, wenn eine Begleitung dabei ist. Es verbessert das Selbstbewusstsein, das Wohlfühlen oder besser gesagt: das Nicht-mehr-so-beschissen-fühlen.

Welche besonderen Erfahrungen oder Erlebnisse fallen Ihnen spontan ein, die Sie mit dem Jobcenter hatten, seien sie besonders positiv, oder besonders negativ? Beides wäre spannend.

Besonders positiv finde ich es, wenn die Leitungsebene des Münchner Jobcenters zu unserem Arbeitslosentreff kommt und hier Rede und Antwort steht. Das wird immer sehr positiv erlebt. Und da gibt es ein ganz anderes Miteinanderreden und eine Offenheit. Das ist das Positive auf jeden Fall.

Negativ erlebe ich Sachbearbeiter*innen und Arbeitsvermittler*innen, deren Kommunikationskompetenz sehr gering erscheint. Ganz konkret denke ich da zurzeit an einen, der will nichts falsch machen und alles kontrollieren. Entsprechend dauert die Sache sehr lange. Da geht es um eine Familie mit drei kleinen Kindern, die endlich eine Wohnung bekommen hat – aber keine Küche. Die Argumentation des Sachbearbeiters war, dass die Mutter vor 10 Jahren schon einmal eine Küche in ihrem Einzimmerappartement bekommen hatte und deswegen 10 Jahre später nicht mehr berechtigt sei, irgendeine Küche zu bekommen. Die ganze Familie hat die letzten sechs Jahre in einer Einzimmerwohnung gelebt. Sie ist einiges gewöhnt. Der Vater hat keinen Job, er kriegt sich nicht so auf die Reihe. Die Mutter ist wahnsinnig tüchtig, ist jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden um in einem Hotel Frühstücksdienst zu machen. Sie sind beide ursprünglich aus Nigeria. Sie hat auch ihren Abschluss als Hotelfachfrau geschafft, aber mit Kindern und Familie ist dieser Beruf nicht optimal. Eine Küche haben sie dann erst mit meiner Hilfe erhalten. Bis dahin hatten sie nur eine Heizplatte und einen Heißwassertopf.

Ich finde übrigens, das Schwierigste am Jobcenter ist der Name.

Das ist interessant, erklären Sie mal.

Der Begriff erzeugt Angst, genau wie der Begriff Hartz IV. Manche Erwerbslose bekommen Verfolgungswahn, wenn sie das hören. Die Begriffe Jobcenter und Hartz IV sind verbrannte Erde, das kriegt man auch nicht mehr hin.

Wie bewerten Sie die Arbeitsvermittlung des Jobcenters?

Ich habe schon den Eindruck, dass die Arbeitssuchende im Jobcenter mehr Chancen haben, einen Job zu bekommen als in der Arbeitsagentur. Das Problem dabei ist, sie haben auch gar keine freie Wahl. Die Leute sind wegen der angedrohten Leistungskürzungen so unter Druck, dass sie wirklich alles tun wollen. Anders herum kenne ich viele, die alles tun wollen, um aus diesem System wieder herauszukommen.

Wie bewerten Sie die Leistungen zum Lebensunterhalt?

Rechnerisch sind sie zu niedrig – keine Frage! Aber ich erlebe es differenziert. Manche Leute kommen schon zurecht damit. Es sind vor allem die Übergangssituationen im Leben, in denen die Armut besonders hervortritt. Etwa wenn Familien Kinder bekommen oder in eine andere Wohnung umziehen. Extrem ist die Situation, wenn die Kids in die Schule kommen. Auch in Ferienzeiten oder in der Corona-Zeit, wenn die Kids daheim sind, bräuchten Familien mehr Geld. Problematisch wird es auch, wenn Kinder von der Schule in einen Beruf wechseln und Geld verdienen, was dann auf das Haushaltseinkommen angerechnet wird. Wir haben außerdem diesen Übergang vom Arbeitslosengeld I in Arbeitslosengeld II oder später vom Arbeitslosengeld II in Rente. Da entstehen oft finanziell extreme Schwierigkeiten und große Not.

Woran würden Sie den Erfolg des Jobcenters festmachen?

Wenn die Menschen es als Unterstützung erfahren. Wenn das System ein menschliches Miteinander erlaubt.

Nun lese ich einige Thesen zum Jobcenter vor. Bitte sagen Sie mir, ob Sie der These zustimmen und was Sie denken, wenn Sie das hören.

„Das Jobcenter fördert eine Angstkultur.“

Das ist für mich das zentrale Problem.

„Das Jobcenter hilft Menschen, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen.“

Bedingt.

„Sanktionen sind notwendig, um grundlegende Regeln im gemeinsamen Arbeiten einzuhalten.“

Nein.

„Kürzungen am Existenzminimum verletzten die Menschenwürde.“

Ja.

Wer seine Termine nicht einhält, hat die Grundsicherung wohl nicht wirklich nötig.“

Was für ein Depp hat das gesagt? Na gut, ich kann mich nicht dauernd über solche Vorurteile aufregen.

Besuche von Jobcenter-Mitarbeitenden bei den Kund*innen zu Hause, können dem Jobcenter helfen, die Situation und die Bedürfnisse der Kund*innen besser zu verstehen.“

Können. Aber die können auch den gegenteiligen Effekt haben. Aufsuchende Sozialarbeit ist eigentlich etwas Gutes, aber es muss genau überlegt werden, wie sie gemacht wird.

„Einzelne schwarze Schafe missbrauchen das Hartz IV System, das ist aber kein Massenphänomen.“

Genau. Jedes System wird von einer bestimmten Anzahl Personen missbraucht. Wenn man über Missbrauch im Hartz-IV-Bereich redet, dann muss man zum Beispiel auch über den Missbrauch im Steuersystem reden. Da geht es schon um andere Milliarden.

Was schätzen Sie am Jobcenter heute?

Es ist ein Sozialsystem, das Menschen in Not unterstützt. Keine Frage! Und es gibt Orientierung in Situationen der Hilflosigkeit. Es braucht zusätzlich aber sicher auch eine Erstarkung der gegenseitigen Hilfe von Menschen in Hartz IV. In meinem Arbeitslosentreff waren einige Leute dabei, die andere ein wenig unter die Fittiche genommen haben, ebenso meine ehrenamtliche Mitarbeiterin Katharina, die als Expertin für SGB II und SGB III andere wahnsinnig gut unterstützt.

Was brauchen in Ihren Augen die Menschen unter 25 Jahren, wenn sie keinen Zugang finden in die Arbeitswelt? Brauchen sie, wie es heute der Fall ist, härtere Regeln im Jobcenter als zum Beispiel für Menschen Ende 50?

Die jungen Menschen in Hartz IV brauchen eine andere Begleitung, aber keine strengere. So vereinzelt kenn ich welche, Spätentwickler, die mit 20, 21, 22 immer noch etwas orientierungslos sind und daheim rausgeschmissen wurden, weil die alleinerziehende Mutter es nicht mehr aushält. Für solche Fälle leistet sich die Stadt München eine Menge an Begleitmöglichkeiten und alternativen Unterkünften und so weiter. Es braucht einfach viele kleine Anlaufstellen, um den individuellen Problemen der Menschen in Hartz IV gerecht zu werden. Klein und regional ist besser als eine riesige, zentralisierte Behörde. Small is beautiful – das könnte ein Motto für das Jobcenter der Zukunft sein.

Vielen Dank für das Interview!

Interview: Philip Büttner, wissenschaftlicher Referent, kda Bayern

Hinweis: Unsere Online-Fachtagung vom 25. Juni 2021 mit Jobcenter-Expert*innen, Hartz-IV-Beziehenden und Bundestagsabgeordneten ist hier dokumentiert: Jobcenter der Zukunft – Existenzsicherung neu denken. Die Veranstaltung war eine Kooperation unseres Bundesverbandes KWA und der Diakonie Deutschland.

(Foto: kda Bayern)

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