„Wir brauchen elf Stunden Mindestruhezeit!“ Barbara Knab über Arbeitszeiten und innere Uhr

MÜNCHEN. “Jetzt ist die Zeit … für faire Arbeitszeiten!” lautet das Motto des kda Reports zum Evangelischen Kirchentag in Nürnberg. Fair bedeutet auch: gesund. Wie bringen wir die Arbeitszeit in Einklang mit den Bedüfnissen des Organismus und der inneren Uhr? Ein Gespräch mit der Wissenschaftsautorin und approbierten Psychologischen Psychotherapeutin Dr. Barbara Knab über Lichtmangel, Nachtschichten und die rechnerischen Grenzen des Arbeitstages. Barbara Knab hat zusammen mit dem Schlafforscher Jürgen Zulley das Buch „Unsere Innere Uhr“ geschrieben.

kda Bayern: Das Motto des Kirchentages 2023 lautet „Jetzt ist die Zeit“. Wann ist denn aus Sicht der Chronobiologie die beste Zeit zum Arbeiten – und wann zum Ruhen?

Barbara Knab: Grundsätzlich ist die beste Zeit zum Arbeiten natürlich tagsüber, nicht nachts. Unsere Leistungshochs sind am späteren Vormittag und am mittleren Nachmittag. Etwa in der Mitte des Tages ist man dagegen für eine Weile weniger leistungsfähig, und zwar nicht nur, wenn man Schweinshaxn mit Weißbier zu sich genommen hat. Gemäß unserer inneren Uhr sollten wir dann eigentlich Mittagsschlaf halten, was sich aber die wenigsten Menschen in unserer Arbeitswelt erlauben können. Wenn wir unserem Organismus mittags wenigstens die Chance geben, sich rauszunehmen und kurz zu ruhen, verkürzen wir das Leistungstief, etwa durch einen Spaziergang oder indem wir uns auf eine Parkbank setzen und für fünf Minuten die Augen schließen. Nachts von 23 bis sieben Uhr sollte man überhaupt nicht arbeiten. Nachtarbeit sollten wir auf Berufsfelder beschränken, wo sie wirklich unerlässlich ist, etwa bei Rettungsdiensten oder der Polizei.

Unterscheiden sich die inneren Uhren der Menschen nicht individuell?

Natürlich gibt es auch Morgentypen und Abendtypen, die mit manchen Arbeitszeiten ein Problem haben. Für die wäre es natürlich besser, wenn sie individuell angepasste Arbeitszeiten hätten. Das ist eine organisatorische Frage, die aber nicht perfekt lösbar ist. Die Arbeitsorganisation orientiert sich ja in der Regel am mittleren Typ, der 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung umfasst. Die Morgen- und Abendtypen können aber versuchen sich anzupassen und das geht am besten mit hellen Licht. Die Abendtypen brauchen besonders morgens viel Licht, die Morgentypen am Abend, dann bleiben sie länger fit.

 

Die Mittagspause nicht in der Kantine, sondern an der Sonne verbingen.”

Es gibt Arbeitsorte, an denen die Beschäftigten kaum das Tageslicht sehen, etwa im Kaufhaus, in der U-Bahn oder in der Fabrikhalle. Was machen diese Erwerbstätigen?

Wenig Tageslicht ist immer schlecht für die Gesundheit, unabhängig vom Chronotyp. Wer so arbeiten muss, sollte versuchen, die Mittagspause nicht in der Kantine, sondern draußen an der Sonne zu verbringen und an freien Tagen viel draußen zu sein. Außerdem wäre es gut, wenn diese Arbeitsplätze – ob Kaufhäuser oder IT-Abteilungen – ergonomisch optimal beleuchtet würden. Das heißt hell, aber nicht blendend.

Wie geht es Menschen, die nachts oder in Schichten arbeiten müssen?

Nachtarbeit ist nie gut für die Gesundheit, und extrem frühe Frühschichten auch nicht. Aber ein bisschen kann man sich schon dran gewöhnen. Nehmen wir zum Beispiel Bäcker, die immer um drei Uhr aufstehen müssen. An freien Tagen stehen die natürlich nicht um drei Uhr auf – aber für ihre innere Uhr ist es besser, wenn sie auch dann nicht ewig schlafen. Dann bleibt ihre innere Uhr halbwegs im Rhythmus. Je regelmäßiger man lebt, umso leichter kommt die innere Uhr mit einzelnen Abweichungen zurecht. Deswegen sind Wechselschichten schlechter als gleichbleibende. Was aber besonders ungünstig ist für die Gesundheit, sind Nachtschichten. Da sieht die innere Uhr einfach vor, dass wir schlafen. Wir können auch wach bleiben, aber auf lange Sicht schadet das der Gesundheit.

 

Mails nachts um 11? Die innere Uhr nimmt das übel.”

Schicht- und Nachtarbeit gibt es ja schon lange, ein neueres Phänomen ist aber die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit vieler Erwerbstätigen. Ist es aus Sicht der Chronobiologie okay, wenn man am Feierabend um 23 Uhr schnell noch eine Mail vom Chef beantwortet?

Die innere Uhr nimmt es übel, wenn man das tut. Biologische Rhythmen brauchen äußere Zeitgeber, die sie mit den 24 Stunden der Erdumdrehung synchronisieren. Zu diesen Zeitgebern gehört auch, Arbeit und Nicht-Arbeit mental unterscheiden zu können. Wenn ich nachts um elf eine Mail beantworte, bin ich erstens schon nicht mehr wirklich leistungsfähig. Zweitens stürze ich mich damit mental in die Arbeitsthematik, und das läuft dann im Kopf weiter. Das stört den Schlaf direkt. Insofern ist die vorgeschriebene Mindestruhezeit nicht nur weise; sie schützt auch direkt den guten Schlaf und die Gesundheit insgesamt.

Es gibt aber gerade in der bayerischen Politik derzeit Initiativen, die gesetzliche Minimalruhezeit von elf Stunden zu verringern und die tägliche Maximalarbeitszeit von acht beziehungsweise zehn Stunden auf zwölf Stunden zu verlängern.

Sehr lange Schichten klingen für viele Beschäftigte zunächst attraktiv, schließlich kann man nach langen Arbeitstagen auch mehr Freizeit am Stück nehmen. Allerdings ist der gesundheitliche Preis durchaus hoch, was die Menschen leider oft erst spät bemerken. Man muss es einmal ausrechnen: Wenn wir zwölf Stunden arbeiten, benötigen wir mehr als eineinhalb Stunden Pausenzeit, hinzu kommen außerdem bei vielen Beschäftigten noch Arbeitswege von einer Stunde, macht 15 bis 16 Stunden. Bleiben ganze acht bis neun Stunden für Familie, Mahlzeiten, Hygiene und den Schlaf. Das geht überhaupt nicht. Nein, elf Stunden Mindestruhezeit von Arbeitsende bis Arbeitsbeginn sind absolut sinnvoll. Da sehe ich auch eine Fürsorgepflicht des Gesetzgebers.

Was sind denn die typischen Krankheiten, die entstehen können, wenn man gegen die innere Uhr lebt?

Schlafstörungen sind sowieso klar, und weil die Leute müde sind, verursachen sie auch erheblich mehr Verkehrsunfälle. Aber auch andere chronische Krankheiten sind deutlich häufiger, von Depressionen über Diabetes bis zu Herzinfarkten und sogar einigen Krebsarten. Gegen die innere Uhr zu leben, fördert eigentlich alles, was man nicht haben will.

Interview: Philip Büttner
Foto: Sylvie Köker

Der Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 7. bis 11. Juni 2023 in Nürnberg statt. Der kda Bayern ist mit vielfältigen Veranstaltungen und Angeboten vertreten.

Zeit, Wandel der Arbeitswelt, Arbeitsbedingungen, Betrieb

Meldungsarchiv

Vorheriger Beitrag
Von den Zeit-Lücken zwischen Männern und Frauen
Nächster Beitrag
Frau Filip

Ähnliche Beiträge