„Manchmal war ich mutig und habe viel verlangt.“ – Interview mit Gerda Keilwerth, Folge 2

NÜRNBERG. Gerda Keilwerth hat 35 Jahre Erfahrung als Mitarbeitervertreterin, war stellv. Vorsitzende im Gesamtausschuss Bayern für die Diakonie und berät heute als Regionalbeauftragte des Verband Kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (vkm) Mitarbeitendenvertretungen (MAV) in Kirche und Diakonie. Wir haben sie für die Reihe „mitbestimmen!“ zu ihrer Arbeit und ihren Praxiserfahrungen befragt. Heute geht es hier um die Aufgaben von MAVen und wie sie sich – auch im Zuge der Corona-Pandemie – verändert haben.

kda: Haben sich die Aufgaben und Herausforderungen der MAVen verändert und wenn ja, wie und wo insbesondere?

Keilwerth: Veränderungen hat es vor allem durch Arbeitsverdichtung, politische Rahmenvorgaben und neuen Zuschnitt der Arbeitsfelder gegeben. Die Ursache sind meistens externe Anforderungen. Die MAV muss wesentlich stärker als früher darauf achten, dass Mitarbeitende z.B. nicht unzulässig überwacht werden. Ansonsten gilt: Je tiefer man in das Thema Mitarbeitervertretung einsteigt, desto mehr Aufgaben entdeckt man. Auch die Mitarbeitenden haben sich geändert, kennen ihre eigenen Rechte besser als früher und wollen Unterstützung bei der Umsetzung. Somit benötigt ein „MAVler“ heute wesentlich mehr Detailkenntnisse und ein großes Wissen über gesetzliche Grundlagen. Der Einzelne wird für sich aktiv, aber das solidarische Eintreten für andere hat abgenommen. Früher haben wir Demos organisiert, sind mit zwei Bussen hingefahren, heute kriege ich keinen Neunsitzer mehr voll. Die Mitarbeitenden kommen nicht in ihrer Freizeit. Sie sagten dann: „Aber du fährst doch hin, Gerda“. Aber das ist nicht dasselbe.

kda: Welchen Einfluss haben Corona und die Digitalisierung nach Ihrem Eindruck auf die Arbeit der Mitarbeitendenvertretungen?

Keilwerth: Durch die häufig kurzfristigen Hygiene Vorgaben hat sich das Arbeitsvolumen erhöht. Jetzt muss schnell und kurzfristiger reagiert werden. Das braucht vermehrt Sitzungen. Am Sonntag kamen die Vorgaben der Ministerien in die Einrichtungen und am Montag sollte umgesetzt werden. Da muss die MAV immer ansprechbar für Dienststellenleitung und Mitarbeitende sein.
Bei der Digitalisierung hat uns Corona unverhofft geholfen. Die MAVen, die noch nicht richtig ausgestattet waren, konnten Druck machen und vermitteln, dass sie Computer und „Zoom“-Rechte brauchen. Auch hat jetzt jede MAV erkannt, dass sie den Weg der Digitalisierung mitgehen sollte. Ohne Digitalisierung hätte ich während Corona meinen Job in der Gesamt-MAV nicht machen können. Es war die Zusammenarbeit von 40 örtlichen MAVen zu betreuen und zu koordinieren. Hilfreich war es auch, digital an MAV-Sitzungen teilzunehmen. Diese MAVen waren fit und die Einrichtungsleitungen mussten mit. Aber insgesamt kann man sagen: Dort, wo Zusammenarbeit funktioniert hat, hat sich nicht viel geändert, nur die Arbeitsbelastung ist auch für die MAV gestiegen.

kda: Würden Sie sich wünschen, dass MAVen mehr Kompetenzen und Durchsetzungsmacht haben?

Keilwerth: Nein. Ich hatte alle, die ich brauchte. Manchmal war ich mutig und habe viel verlangt, um einen guten Kompromiss zu erreichen. Ich habe mir Kompetenzen und Durchsetzungskraft erarbeitet, auch durch das Wissen, das ich mir in Fortbildungen angeeignet habe. Wer in der MAV ist, muss zu Fortbildungen. Ich muss lernen: „Wo hole ich mir Hilfe?“ und „Ich bin nicht allein“. Insofern war und ist der Gesamtausschuss Bayern als Unterstützer der MAVen ein Segen. Es gibt einzelne Punkte da reichen die geschriebenen Befugnisse nicht aus. Ein Beispiel ist der Umweltschutz im Mitarbeitervertretungsgesetz. Wir sollen da nur mitwirken. Im Betriebsverfassungsgesetz gibt es dazu einen ganzen Paragraphen. Den möchte ich auch im MVG.EKD haben. Aber was die Gestaltung der Arbeitsbedingungen angeht, stehen einer MAV meiner Ansicht nach alle Möglichkeiten zur Mitwirkung zur Verfügung. Was manchen MAVen fehlt, sind kompetente Ansprechpartner.

Hier können Sie den ersten Teil des Interviews nachlesen.

(Foto: Gerda Keilwerth)

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