Nicht alles lässt sich digitalisieren – Update bildung@digital zu beruflicher Bildung

ROTHENBURG.MÜNCHEN.NÜRNBERG. Wie geht es jungen Leuten aktuell in der Ausbildung? Wie werden sie mitten in der Corona-Pandemie begleitet, qualifiziert und geprüft? Wie können digitale Tools und Möglichkeiten dabei helfen und wo stoßen sie dabei an ihre Grenzen? Und welche ethischen Fragen kommen dabei in den Blick? All dies diskutierten rund 40 Teilnehmer*innen beim virtuellen Format „Update bildung@digital“ am 13.November mit Berufsbildungs-Expert*innen aus Handwerk, Industrie und Handel bzw. Gastronomie und Hotellerie.

Die Kooperationsveranstaltung von kda Bayern und Wildbad Rothenburg knüpfte dabei an das KWA Forum 2019 an, welches bereits die Frage digitaler Bildung in den Mittelpunkt gestellt hatte. Damals war jedoch die Corona-Pandemie noch nicht absehbar. Diese habe sich auch als Treiber der Digitalisierung erwiesen, wie die eingeladenen Expert*innen bestätigten.

Zwischen digital und analog in der Corona-Pandemie

So könnten inzwischen Ausbildungsbetriebe der Hotellerie und Gastronomie auf azubiweb den gesamten Prüfungsstoff inklusive passender Prüfungsvideos abrufen, so Susanne Droux, Geschäftsführerin Berufsbildung DEHOGA Bayern e.V. Auch im Handwerk kämen digitale Lerntools wie Appzubi zum Einsatz, so Dieter Vierlbeck, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Handwerk und Kirche.

Jedoch fehle das gemeinsame Lernen, so Vierlbeck weiter. Und auch für Ausbilder sei es schwieriger geworden, den Kontakt zu ihren Azubis zu halten, wenn man sich nicht mehr täglich sehe. „Manche tauchen einfach ab.“ Umso wichtiger seien daher auch analoge Formate, wie auch Droux beschrieb. „Als wir analoge Schulungen in großen Sälen angeboten haben, haben manche Azubis geheult, weil sie endlich mal wieder unter Leuten waren.“ Eine große Unterstützung bei der Begleitung der Azubis sei dabei auch der kdg – Kirchlicher Dienst im Gastgewerbe, der eigene Module zur Prüfungsvorbereitung anbietet.

Stefan Kastner, Leiter Geschäftsbereich Berufsbildung der IHK Nürnberg, wies in diesem Zusammenhang auf die Rechtslage in Sachen Berufsschule hin. Während Azubis zwar für analogen Berufsschulunterricht von den Betrieben freigestellt werden müssten, würde dies nicht für digitalen, mobilen Unterricht gelten. Dies sei in der derzeitigen Situation ein Problem.

Teilzeitmodelle und Reverse Mentoring als Chancen digitaler Berufsbildung

Kastner machte auch darauf aufmerksam, dass digitale Formate die analogen Angebote der Berufsorientierung bei weitem nicht auffangen können. Während bei Berufsmessen an einem Tag bis zu 800 Ausbildungsverträge abgeschlossen werden, waren es in einem kürzlich erprobten virtuellen Format gerade einmal zwei. „Der persönliche Kontakt fehlt da einfach.“ Möglicherweise schaffen aber digitale Formate noch andere Hürden. So könnten Sprachbarrieren bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund ebenso hinderlich sein wie eine fehlende technische Ausstattung. Die IHK werde daher in Zukunft weiter am Thema „Digitale Berufsorientierung“ arbeiten. Ebenso seien digitale Ausbildungsverträge und Ausbildungshefte in Planung. Erste digitale Prüfungsformate seien auch schon getestet.

Eine besondere Chance der digitalen Ausbildung sahen alle drei Referent*innen in Teilzeit-Modellen für Azubis mit Hindernissen und Beeinträchtigungen, aber auch für ältere Quereinsteiger*innen, da sie neue Möglichkeiten und ein hohes Maß an Flexibilität ermöglichen. Zudem nehmen sie wahr, wie sich durch die Digitalisierung die Ausbildungsverhältnisse verändern. Manche Azubis coachen ihre Ausbilder in der Anwendung neuer digitaler Tools im betrieblichen Alltag. Dieses Reverse Mentoring führe zu einem Miteinander, das mehr als früher auf Augenhöhe stattfinde.

Menschenwürde und Menschenrechte als ethische Orientierungspunkte

Einen ethischen Blick auf digitales Lernen warfen schließlich Dr. Wolfgang Schuhmacher, Leiter von Wildbad Rothenburg, und Dr. Johannes Rehm, Leiter des kda Bayern. Schuhmacher betonte, dass Bildungsprozesse und -strukturen auch im Digitalen sich an der Würde jedes einzelnen orientieren müssten. Sie sollten daher Freiheit zur Entfaltung der eigenen Person, gleiche Zugangschancen, Teilhabe und ein solidarisches Miteinander ermöglichen.

Rehm teilte kritische Beobachtungen mit Blick auf den digitalen Wandel im Bildungsbereich und der Arbeitswelt. So fragte er, ob die digitale Echtzeitverliebtheit nicht zu einer Erosion von Traditionen und Geschichtslosigkeit führen könne. Und er forderte dazu auf, denen ihr Menschenrecht auf Arbeit zu sichern, deren Arbeit durch Algorithmen ersetzt werde und die nicht digital affin wären. „Digitale Bildung muss alle Gesellschaftsmitglieder mitnehmen. Gutes und gelingendes Leben gibt es nie für mich allein, sondern nur, wenn alle mit mir gemeinsam daran teilhaben können.“

(Foto: pexels, Andrea Piacquadio)

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