Vernetzte Integration – Betriebsbesuch mit dem AK Flucht und Arbeit bei ERGO Direkt in Nürnberg

NÜRNBERG. Für die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung braucht es Spezialisten die fit sind im Aufbau Betrieb und Weiterentwicklung von IT-Infrastruktur. Der Nürnberger Direktversicherer ERGO Direkt geht deshalb bei der Gewinnung der nötigen Fachkräfte neue und kreative Wege. Dazu gehört die Einstiegsqualifizierung von zehn Menschen mit Fluchterfahrung zur Vorbereitung auf eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Der Arbeitskreis „Flucht + Arbeit“ besuchte das Unternehmen und seine Mitarbeitenden und bekam einen spannenden Einblick in neue Wege betrieblicher Integration.

Projekt mit Dynamik, Hand und Fuß

„Da ist auf einmal ganz viel in Bewegung gekommen“, berichtet Anke Hartkopf, Ausbildungsleiterin bei ERGO Direkt, wenn sie an die letzten Monate denkt. „Aus einem Auftrag des Vorstandes wurde ganz schnell ein Projekt mit einer Dynamik, die viele Bereiche erfasste“, so Hartkopf. Der Auftrag vergangenen Jahres: eine Ausbildungsmöglichkeit für bis zu zehn zusätzliche Azubis mit Fluchterfahrung in der IT-Abteilung schaffen. Stefanie Matzke, Referentin für die Ausbildung, beschreibt die folgenden Monate als erfahrungsreich für die gesamte Abteilung Personalentwicklung. Denn zur ursprünglichen Motivation, mit einem Beitrag zur Integration Geflüchteter in die Arbeitswelt soziales Engagement zu zeigen, kam der Anspruch, fachliche Qualifikation auf hohem Niveau mit persönlicher Begleitung sicherzustellen. „Letztendlich glauben wir, dass der gesamte Ausbildungsbereich von diesem Projekt profitieren wird. Denn wir haben neben diesem Auftrag auch die notwendigen Mittel vom Vorstand bekommen, hier ein Angebot mit Hand und Fuß zu machen“, sagt Anke Hartkopf.

Vorbereitung durch Einstiegsqualifizierung

Bei einem großen Bewerbertag für 70 Bewerberinnen und Bewerber wurden in Gruppengesprächen und Einzelinterviews zehn potentielle Kandidatinnen und Kandidaten für eine der Ausbildung vorgeschaltete sechsmonatige Einstiegsqualifizierung (EQ) gesucht und gefunden. EQ-Maßnahmen werden von der Agentur für Arbeit bzw. dem Jobcenter gefördert. Sie dienen der Vermittlung von Grundlagen für den Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit. Die Inhalte orientieren sich an den Inhalten anerkannter Ausbildungsberufe. Die engagierten Unternehmen bekommen so die Gelegenheit, künftige Auszubildende und deren Leistungsfähigkeit in der betrieblichen Praxis kennen zu lernen und die Teilnehmer*innen praxisnah an Ausbildung und Unternehmen hinzuführen. Zugleich muss aber auch der Betrieb „fit“ gemacht werden, denn die zusätzlichen Ausbildungsplätze bei ERGO Direkt vergrößern die Zahl der Auszubildenden/Verbundstudenten in der IT, die zum 1. September 2018 beginnen, von bisher vier auf zwölf.

IT-Werkstatt als Werkstatt für die Zukunft

Um diesen Wandel für alle Beteiligten positiv zu gestalten, wurde in einem internen Workshop mit Ausbildern, Personalabteilung und Ansprechpartnern der IT die Idee einer IT-Werkstatt für alle Azubis entwickelt, geplant und letztendlich umgesetzt. Teil des Betriebsbesuches des AK „Flucht + Arbeit“ war natürlich u.a. die Besichtigung dieser IT-Werkstatt und eine Begegnung mit den neuen Mitarbeitenden. „Ursprünglich habe ich Wirtschaft studiert, finde aber, dass eine Ausbildung nach deutschem Standard, noch dazu in der IT, mir hier wesentlich bessere Chancen verschafft“, erzählt eine Teilnehmerin, wie sich ihre Erwartungen durch die Flucht verändert haben. „Man muss flexibel bleiben und überlegen ‚Was hilft mir hier in Deutschland, was wird hier gebraucht? Die anspruchsvollen Inhalte der Fachinformatik sind hier natürlich nur eine Herausforderung neben der neuen Rolle als Auszubildende und der kulturellen Integration in den Betrieb. Ein Praktikant aus der Gruppe ist begeistert vom professionellen Umgang miteinander: „Ich finde hier vor allem die Offenheit der Menschen toll. Man bekommt Feedback, vom Chef bis zum Kollegen, aber immer höflich. Ich darf auch Fehler machen, und man hilft mir, mich zu verbessern. Das ist sehr schön.“

Von der Einstiegsqualifizierung zur Ausbildungsqualifizierung

Nach der sechsmonatigen Einstiegsqualifizierung sollen zum 1. September 2018 möglichst alle bereit sein für die reguläre 3-jährige Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration, dann zusammen mit vier weiteren Auszubildenden. „Die Sprache ist die größte Herausforderung, aber hier lernen wir täglich dazu, viel schneller als in einem Sprachkurs“, meint ein Teilnehmer. Sprache ist auch der Schlüssel für einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf, vor allem für Textverständnis und schriftlichen Ausdruck. Denn neben den betrieblichen Anforderungen sind die Prüfungen in der Berufsschule ein Bereich, in dem man sich bewähren muss, will man die Ausbildung erfolgreich abschließen. So sollen alle Azubis letztendlich von den Neuerungen profitieren und am Ende der Ausbildung als Fachkräfte das Unternehmen verstärken. Eine Investition in die Zukunft, die sich sicherlich auszahlt und ein positives Beispiel für betriebliche Integration darstellt.

Infos Arbeitskreis Flucht + Arbeit

Der Arbeitskreis Flucht + Arbeit ist ein Facharbeitskreis und besteht aus Projekten und Organisationen, die sich im Bereich der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten engagieren. Die Fachleute tauschen sich regelmäßig zu aktuellen Themen aus, unterstützen sich mit kollegialer Beratung und versuchen durch eine breitere Vernetzung das Thema „Flucht und Arbeit“ im Raum Nürnberg/Fürth besser zu organisieren. Bisher sind im AK engagiert: Die Jobbegleiter der Kirchlichen Beschäftigungsinitiative e.V. Fürth, der noa gGmbH, des Bildungszentrums der Stadt Nürnberg (bz) und des beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) Nürnberg, der Ausbildungsring Ausländischer Unternehmer (AAU) e.V. mit dem Projekt ENTER, die Berufsintegrationsklasse der Rummelsberger Dienste für junge Menschen gGmbH, das Projekt „Bin dA“ der Rummelsberger Dienste für junge Menschen gGmbH, das Projekt „start-ab!“ des Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt Bayern.

Foto: kda Bayern

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