Von Tarifbindung und Integrationsfiguren – ein Sommerinterview

COBURG. Tarifbindung, Organisationsgrad und betriebliche Mitbestimmung sind in Deutschland rückläufig. Wir haben im IG-Metall-Bezirk Coburg beim 1. Bevollmächtigten Jürgen Apfel und der politischen Sekretärin Nicole Ehrsam nachgefragt, wie sich dieser Trend in der Praxis ihrer Arbeit wiederspiegelt, wo die Herausforderungen für die Gewerkschaften dabei liegen und welche Rolle den Betriebsrät*innen vor Ort zukommt.

kda: Die Tarifbindung hat insgesamt in Deutschland abgenommen. Und auch der Anteil der Unternehmen mit betrieblicher Mitbestimmung. Wie spiegelt sich das in Oberfranken wieder? Insbesondere in der Metall Branche. Welche Trends nehmt ihr da wahr?

Apfel: Wir können nur über die Geschäftsstelle Coburg reden und die Branchen, die die IG-Metall betreut. Nach meiner Einschätzung haben wir nicht das Problem, dass viele Unternehmen aus der Tarifbindung raus gegangen sind, sondern, dass wir hier von vorne herein zu wenig Tarifbindung haben. Und das nicht nur in kleinen Betrieben und im Handwerk, sondern wir haben auch ein paar richtig große Arbeitgeber ohne Tarifbindung. Die Leute dort werden abgehängt von der allgemeinen Entwicklung in den Tarifverträgen. Für mich ist die Erfahrung: in Betrieben ohne Tarifbindung haben die Leute im Schnitt 20% weniger Lohn als im Flächentarif und Frauen sind da noch mal stärker betroffen als Männer.
Ehrsam: Um ein Beispiel zu nennen, es gibt einen großen Coburger Arbeitgeber, wo wir 2006 den Kampf um den Tarifvertrag verloren haben. Das merkt der Arbeitnehmer nicht gleich aber jetzt nach 13 Jahren kann man deutlich feststellen, dass es definitiv eine Entgeltlücke gibt,

kda: Was seht ihr als Gründe an, dass die Tarifbindung abnimmt oder gar nicht erst entsteht?

Apfel: Die Tarifbindung nimmt ab, weil die Organisationsgrade abnehmen. Die Bereitschaft der Menschen, sich zu organisieren und sich die zuständige Gewerkschaft zu holen in der Frage: „Wollen wir eine Tarifvertrag erreichen oder behalten?“, das nimmt ab. Viele glauben, sie müssen die IG-Metall nur mal fragen und dann kriegen sie eine Tarifbindung. Aber so ist das nicht. Denn es funktioniert nur kollektiv. Im Konflikt entscheidet es sich daran, wie viele Menschen dort stehen und sagen: Wir wollen das jetzt.
Ehrsam: Es ist tatsächlich auch eine Kulturfrage, eine Frage der Tradition. Ich werde meine Zeit als Trainee in Schweinfurt nie vergessen. Dort ist klar, wenn ich bei SKF bin, dann bin ich Mitglied einer Gewerkschaft. Und wenn wir zu einem Warnstreik aufrufen, dann kommen da 5.000 Leute aus den Betrieben. Das ist selbstverständlich und gehört dazu. Hier in Oberfranken ist es schwieriger, die Leute zu mobilisieren.

Die Wertschätzung der Leistung der Menschen bildet sich in Tarifverträgen ab

kda: Flächentarif oder Haustarif – was ist besser für Beschäftigte?

Apfel: Ich will da gar nicht unterscheiden zwischen Flächen- oder Haustarifvertrag. Es gibt sicherlich Niveau-Unterschiede aber alleine die Möglichkeit, dass ich kollektiv meine Arbeitsbedingungen verhandeln kann – das ist doch der Wert eines Tarifvertrages. Natürlich sehen die Haustarife anders aus als in der Fläche. Aber ein Haustarif kann ein Schritt hin zum Flächentarif sein. Wir machen auch Haustarifverträge mit ganz kleinen Firmen. Da setzen wir uns richtig hemdsärmelig alle zwei Jahre zusammen. Es geht um´s Entgelt, um Ausweitung der Betriebszeiten oder Schichtmodelle. Der Chef verhandelt hier nicht mit jedem Einzelnen, sondern da sitzt ein gewähltes Gremium mit der IG-Metall und verhandelt das kollektiv auf Augenhöhe.

kda: Sind Frauen und Männer unterschiedlich betroffen von den Entwicklungen?

Apfel: Es gibt immer noch den Unterschied in der Behandlung von Mann und Frau selbst innerhalb von Tarifverträgen. Das liegt an den betrieblichen Akteuren und auch an den betroffenen Personen. Die müssen ihre Interessen im Betrieb anmelden und auch bereit sein, Mitglied in der Gewerkschaft zu werden. Da gibt es Kolleginnen, die zu mir kommen und reklamieren, dass sie gegenüber ihren Kollegen von der Entgeltgruppe ihrer Meinung nach nicht richtig eingruppiert sind. Die können das dann beim Arbeitgeber reklamieren und anmelden über den Betriebsrat. In der Paritätischen Kommission wird darüber gesprochen. Und kommen sie da nicht weiter, gibt’s im Tarifvertrag darüber hinaus das sogenannte Organisationsvertreter-Gespräch. Dann kommen die Tarifparteien dazu. Das hat für die Betroffene ein anderes Gewicht, als es alleine mit dem Arbeitgeber aushandeln zu müssen.

kda: Spielt auch das Thema Vereinbarkeit eine Rolle?

Apfel: Immer mehr. Was kommen wird, ist das Thema Arbeitszeit. Ich bin froh, dass wir in der letzten Tarifrunde da den Fuß in die Tür gekriegt haben: Nicht mehr so stark mit dem Blick auf prozentuale Entgelt – Erhöhung, sondern das Element, Entgeltbestandteile in zusätzlich freie Zeit umwandeln zu können.
Ehrsam: Das interessiert die Leute und hat den Nerv getroffen. Viele unserer Mitglieder finden das Instrument gut, weil sie die Wahl-Option haben. Im einen Jahr nehme ich mir mehr Zeit, weil es familiär besser rein passt, im anderen Jahr nehme ich mir das Geld, weil ich mir etwas anschaffen will.

Du brauchst Menschen, die sagen: “Ja ich werde Mitglied.”, sonst gibt´s keinen Tarifvertrag

kda: Welche Rolle kommt den Betriebsrät*innen als Integrationsfiguren im Betrieb beim Thema Tarifbindung zu?

Apfel: Das ist eine ganz wichtige Funktion. Für mich ist das Betriebsratsamt das am wenigsten gewürdigte Ehrenamt in Deutschland. Wir erleben ja Betriebe, die keinen Betriebsrat haben – und was passiert, wenn versucht wird, dort einen zu gründen.
Ehrsam: Ich war da neulich bei einem – ich sage mal – konspirativen Treffen zur Vorbereitung einer Betriebsratswahl. Wenn es um die Wahl von BR geht, braucht es Leute, die sich positionieren und sich auch vorstellen können, Betriebsrat zu werden. Die wissen, wir handeln dann in einem Spannungsfeld und welchen Einfluss hat das vielleicht auch auf mein weiteres berufliches Fortkommen. Es gibt Arbeitgeber, die das nicht gerne sehen.
Wenn es keine Tradition ist, dass es einen Betriebsrat gibt, muss sich der Neue alles erst erarbeiten: Den Respekt von Betriebsleitung und Belegschaft, dass die ihm etwas zutrauen. Und es gibt einen ganz breiten Blumenstraß an Themen, die alle nicht geregelt sind, weil es vorher keinen Betriebsrat gab, der über Betriebsvereinbarungen Dinge geklärt hat. Der fängt praktisch bei Null an, Dinge aufzubauen. Wir können dabei unterstützen, aber letztendlich tun müssen es die Betriebsräte im Betrieb. Alleine „die IG-Metall macht das schon“ – das funktioniert leider nicht.

 

Titelbild: Sozialsekretär Frank Meixner (li.) im Sommerinterview mit Nicole Ehrsam und Jürgen Apfel. (Foto: kda Bayern)

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