Zeitarbeit als Chance? Für Arbeitnehmer mit Fluchterfahrung nur bedingt

NÜRNBERG. Bei der Integration von geflüchteten Menschen in die deutsche Arbeitswelt gibt es verschiedenste Wege. Einer davon ist erfolgreich wie umstritten: Die Zeitarbeit. Auf der einen Seite bietet sie Einstiegschancen und ein gewisses Einkommen für Menschen, deren erstes Interesse darin liegt, sich möglichst mit eigener Hände Arbeit zu ernähren. Gerade gering oder nicht qualifizierte Menschen kommen auf diesem Weg zu einem Einkommen. Auf der anderen Seite treffen natürlich auch alle generellen Kritikpunkte an Zeitarbeit auf die Beschäftigung von „working refugees“ zu. Geringere Bezahlung und Sicherheit im Vergleich zur Stammbelegschaft, ungünstige Arbeitszeiten und Verfügbarkeit sowie die Gefahr bei einer schlechten Auftragslage als erste wieder ohne Beschäftigung zu sein. Diese Ambivalenz bringen auch etliche unserer Klienten von “start-ab!” zum Ausdruck, die über die Zeitarbeit in Beschäftigung fanden. Froh zu sein, arbeiten zu dürfen und gleichzeitig unter den Bedingungen zu leiden.

Lob und Mahnung für Zeitarbeitsbranche von der Bundesagentur

Ein Ähnliches Bild zeichnet der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA), Daniel Terzenbach, auf der Regionalkonferenz des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) in Nürnberg. Bei der Integration von Menschen aus nichteuropäischen Ländern in den deutschen Arbeitsmarkt habe “die Zeitarbeitsbranche den besten Job gemacht”, berichtet der epd. Allerdings machte Terzenbach auch klar, dass die Personaldienstleister geflüchtete Menschen zu rund 90 Prozent für Helfertätigkeiten an ihre Kundenunternehmen verleihen. Bei einer konjunkturellen Eintrübung würden zuerst diese Helfer entlassen. Daher müsse für die Flüchtlinge “mehr qualifikatorisch” getan werden, mahnte er die Branchenvertreter.

Teilqualifizierung als mögliches Sprungbrett

Der BA-Vorstand denkt beispielsweise an das Instrument der sogenannten Teilqualifizierung (TQ). Es sei von den Industrie- und Handelskammern (IHK) Nürnberg und München seit 2011 zunächst als Pilotprojekt getestet worden. Aufgrund der Erfolge würden Teilqualifizierungen zwischenzeitlich bundesweit angeboten. Bei der Teilqualifizierung durchlaufen Erwachsene über 25 Jahre ohne Berufsabschluss innerhalb von sechs Monaten verschiedene Module eines Ausbildungsgangs. Für Geflüchtete gibt es zusätzlich einen mehrwöchigen Deutschkurs.
Einige Klienten des kda Bayern-Projektes „start-ab! Gut beraten in der Arbeitswelt“ fanden über solch eine Teilqualifizierung aus der Zeitarbeit in eine Festanstellung. Interessant dabei: Diese TQ geschah durch einen Bildungsträger, der wiederum von einer Zeitarbeitsfirma getragen wird. So unterstützen durchaus auch Zeitarbeitsfirmen ihre Mitarbeiter bei einer neuen Perspektive und Festanstellung.

Generelle Probleme der Zeitarbeit gelten auch für Geflüchtete

Am Rande der Veranstaltung berichtete eine Sprecherin der Nürnberger Zeitarbeitsfirma Hofmann Personal von vielen kleinteiligen Hürden. So bearbeite manche Behörde Arbeitserlaubnisse so lange, bis die offene Stelle bei einem Kundenbetrieb inzwischen anderweitig besetzt wurde. Grundsätzlich müsse “jede Person individuell betrachtet und betreut werden”. Das verlange Geduld, viel Zeitaufwand und guten Willen. Wichtig sei aber auch, wie schnell ein Geflüchteter Deutsch lerne und sich in Kultur und Arbeitsalltag integriere. Allerdings machte die Vertreterin des bundesweit präsenten Unternehmens auch zahlreiche positive Erfahrungen. Gerade ältere Geflüchtete ließen sich gut integrieren, manch jüngerer werde vom Kundenbetrieb für eine Ausbildung übernommen.

Guter Rat ist gefragt

Dennoch suchen Beschäftigte immer wieder um Rat in den verschiedenen Beratungsstellen, beim kda Bayern, aber auch bei dem Projekt Faire Integration. Faire Integration berät „working refugees“ und Migranten*innen aus Drittstaaten zu sozial und arbeitsrechtlichen Themen. „Hauptsächlich geht es bei unseren Beratungsfällen aus der Zeitarbeit um Kündigung, ausstehende Lohnansprüche und unbezahlte Urlaubsansprüche“, so Fkreyesus Ghebreyesus. Damit würden sich die Themen nicht wesentlich von Festangestellten „working refugees“ unterscheiden. In Nürnberg wird Faire Integration vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen e.V. durchgeführt und vom Projekt „Support Faire Integration” des DGB Bildungswerks unterstützt.
Aufgrund sprachlicher Barrieren sind viele Arbeitnehmende unsicher und suchen Rat, auch im Projekt „start-ab!“. „Anlass für eine Beratung sind oft Unklarheiten bei Prozessen wie Urlaubsplanung oder Zeitkonten“, berichtet Diakon Martin Deinzer aus der täglichen Praxis. Um hier Probleme zu vermeiden, braucht es bewusste Feedbackkultur, kulturelle Sensibilität und Zeit für den Einzelnen. „Keiner darf zur Nummer werden, egal ob Arbeitnehmer deutscher Herkunft oder mit Fluchterfahrung.”

(Foto: Abi Ismail/ unsplash)

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