50 Jahre im Dienst der Frauen(erwerbs)arbeit

NÜRNBERG. Elke Beck-Flachsenberg war seit 1972 und bis 2005 im Amt für Industrie– und Sozialarbeit (jetzt kda) hauptamtlich als wissenschaftliche Referentin in der Frauenarbeit tätig und danach weiter aktiv im Rundfunkrat und als Vorständin der Evangelischen Frauen in Bayern (EFB). Im September 2021 hat sie den efb-Vorsitz abgegeben – bis April 2022 ist sie noch in den Rundfunkrat entsandt und blickt damit auf 50 Jahre Einsatz für Anliegen von erwerbstätigen Frauen zurück. Wir haben sie gefragt, wie sie dieses halbe Jahrhundert aus Frauensicht rückblickend bewertet und wie es mit der kirchlichen Lobbyarbeit für berufstätige Frauen am besten weitergehen soll.

Elke Beck-Flachsenberg im Interview

kda: Mit 78 noch mal in Rente gehen – wie fühlt sich das an? Oder ist immer noch nicht wirklich Schluss mit dem Engagement?

Das fühlt sich gut an, sehr gut in der Vorausschau. Im Augenblick will ich erstmal Ruhe haben und ich freue mich auf die Zeit, in der ich nur selbst gesetzte Termine habe. Wie es dann wirklich wird…schau`n wir mal!

kda: Was waren aus deiner Sicht „Meilensteine“ auf dem Weg hin zu gleichberechtigter Teilhabe von Frauen am/im Erwerbsleben?

Die Einführung von Elternzeit- und Elterngeld, der Ausbau der Kinderbetreuung oder die Quoten- und Diversitätsdebatten. Als mein erstes Kind geboren wurde, verpasste ich die gesetzlich geregelte Einführung einer verlängerten Erziehungszeit um Stunden. Beim zweiten Kind konnte ich schon länger daheimbleiben und habe das genossen, und die Tatsache, dass heute auch Väter Elternzeit nehmen können – wenn auch längst zu wenige und eine zu kurze Zeit – ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

kda: Gibt es Themen, bei denen du heute sagst: Das haben wir schon vor 40 oder 50 Jahren gefordert und ist heute noch aktuell?

Zentral ist da die echte Vereinbarkeit von Beruf, Familie, Ehrenamt und Pflege von Angehörigen – Ein Ziel, dass die Frauenarbeit – also Barbara, Ursel* und ich bereits vor 40 oder 50 Jahren als Leitmotiv fest im Blick hatten und wieder und wieder wie ein Mantra – in Wort, Schrift und in vielen Seminare dargestellt, beschworen und gefordert haben. Unsere politischen Forderungen waren sicherlich noch nicht so ausdifferenziert, aber das ist ja das Herausfordernde im Verlauf der Zeit, dass immer mehr Aspekte der Lebens- und Arbeitswirklichkeit deutlich werden und bedacht werden müssen. Deshalb geht dieser Prozess noch lange weiter.

kda: Welche Projekte in der Arbeit waren dir besonders wichtig?

Die Projekte waren eher lang angelegte Schwerpunkte. Zum Beispiel die Fernsehbeobachtung im afa-Frauenkreis hat mir Spaß gemacht – selbst die ausführlichen Protokolle über die Zusammenkünfte, die ich geschrieben habe. Schnell kamen die afa-Frauen da von den vorgegebenen Sendungen zu ihrem eigenen Leben, ihren Erfahrungen, Einstellungen und Einsichten. Und darum ging es auch: Die Ansichten von erwerbstätigen Frauen in die Medienbeobachtung und -beurteilung einfließen zu lassen. Inwieweit das weitergeleitet und dann erst recht in den Führungsebenen oder wenigstens in den Redaktionen gehört wurde, ist offen. Mich brachte dieses Interesse an der Rundfunkarbeit dann in den Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks, wodurch ich Rundfunktagungen durchführen und verstärkt afa-Frauen aus Bayern zu den Tagungen einladen konnte. Ein – sicherlich hochgestecktes – Ziel war dabei, sie von der Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunk für unsere Demokratie zu überzeugen.
Im gesamten Dienst in der Frauensarbeit und bei der Arbeit mit afa Ehrenamtlichen habe ich viel gelernt. Ich wurde offen aufgenommen und immer wieder war ich beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der die Arbeitnehmer*innen familiäre und persönliche Probleme ansprachen. Sie waren aufgeschlossen für Informationen und Erkenntnisse über gesellschaftspolitische, kulturelle und religiöse Fragen und haben
über ihre mich faszinierende Arbeit gesprochen, von der tätigen Hilfsbereitschaft, vom Blick und Einsatz für das Notwendige.

kda: Wo hast du aus deiner Sicht mehr erreicht: Im Haupt- oder im Ehrenamt? Oder war es die Kombination?

Die Beantwortung, wo ich mehr erreicht habe, fällt mir schwer. Denn sowohl im Amt/kda als auch in der EFB habe ich immer im Team gearbeitet, ganz selten waren es Einzelerfolge. Gremienarbeit gehörte ja von Anfang an zu meinen Aufgaben. Beispielsweise für die eaf (Evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen) oder daraus folgend die Arbeit im Vorstand und damit verbunden im bayerischen Landesfrauenrat. Da kam es von der Delegation als hauptamtliche Vertreterin des kda zur Übernahme von ehrenamtlichen Leitungsaufgaben.

Doch der Unterschied zwischen ehrenamtlicher und hauptamtlicher Arbeit ist mir erst – zum Teil schmerzhaft – bewusst geworden, als ich seit meinem Renteneintritt 2005 nur noch ehrenamtlich arbeitete. Hauptamtlichkeit geschieht in einer festen Struktur mit Arbeitsvertrag und Hierarchie.
Ehrenamtlichkeit ist Freiwilligenarbeit und stößt sich oft an Hierarchie und Hauptamtlichkeit.
Von einer Arbeit auf „gleicher Augenhöhe“ zwischen Haupt-und Ehrenamtlichen habe ich häufig geträumt.

Dennoch hat das Ehrenamt zum Beispiel in der EFB (Evangelische Frauen in Bayern) viele Vorteile, weil Meinungsfindung und Meinungsäußerung unabhängig sind von amtskirchlichen Strukturen und Hierarchieebenen. Das lässt viele Freiräume zu, erschwert aber den Weg in die Öffentlichkeit.
Die Themen der EFB auf den vielen Studientagungen waren bunt und gesellschaftspolitisch, die Stellungnahmen kritisch und fordernd, die Reaktionen schwach.

kda: Hast du im Rückblick den Eindruck, dass es gelungen ist, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen?

Da wir immer im vorpolitischen Raum agiert haben (kda und EFB) sehe ich einen geringen Einfluss, der messbar ist. Eine Ausnahme war vielleicht unser Einsatz für den Unterhaltsvorschuss und die Unterhaltsersatzkassen. Es war eher das kontinuierliche Bespielen bestimmter Themen: Die Betonung der Frauen, die Hervorhebung von erwerbstätigen Frauen auch und gerade in prekären Arbeitsverhältnissen. Dazu haben wir immer wieder Forderungen erhoben. Ein Beispiel aus der ehrenamtlichen Arbeit war die „gebetsmühlenartigen“ Wiederholung, dass mehr Frauen in Führungspositionen beim Bayerischen Rundfunk kommen sollen. Wir haben es geschafft, dass eine Gruppe – bestehend aus Männern und Frauen – entschied : „Wir suchen eine Frau für die Position der Intendanz“. Das zeigt: Wenn „man“ sich auf die Suche begibt und klar nach Frauen sucht, findet „man“ auch welche!

kda: Wo soll die kirchliche Lobbyarbeit deines Erachtens weiter bohren, wenn es um die Gleichstellung von Frauen in der Kirche, im Ehrenamt, im Erwerbsleben geht

Auch wenn wir keine Landesbischöfin haben: Die Gleichstellung in wichtigen kirchlichen Positionen ist auf einem guten Wege. Aber: Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht. Sie fehlt auf der mittleren Ebene, sie fehlt erst recht auf den unteren Ebenen und sie fehlt im Ehrenamt.
Ich denke, die Kirche – also unsere Landeskirche, aber auch die EKD – ist weit davon entfernt, eine Kirche für alle und von allen zu sein. Von Teilhabe aller kann keine Rede sein. Die Kirche bietet wenig Partizipation, ist eine auf das Pfarr„amt“ zugespitzte und hierarchisch strukturierte Kirche. Die vollständige Kürzung des Mittel für die EFB durch die Landeskirche ab 2025 halte ich in diesem Zusammenhang für ein ganz falsches Handeln und Signal. Hier wird Basiserfahrung und ehrenamtlicher Netzwerkarbeit die Grundlage entzogen. Das ist ein sehr bitterer Wehrmutstropfen zum Abschied für mich. Ich wünsche meinen Nachfolgerinnen Mut und Kampfgeist, um diesen Kahlschlag wenn möglich doch noch abzuwenden.

Die Abschiedsrede von Elke Beck-Flachsenberg und ihre persönliche Bilanz auf der Mitgliederversammlung der EFB in diesem Herbst können Sie im Korrespondenzblatt (S. 171-173) nachlesen.

Foto: Petra Hippelein

 

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