9. Forum Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt: bildung@digital

ROTHENBURG. Beim neunten Forum Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt diskutierten Vertreter*innen aus Wirtschaft und Gesellschaft sowie viele Interessierte zwei Tage über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Bildung und umgekehrt. Deutlich wurde die Bedeutung des fortwährenden gesellschaftlichen Diskurses über die ständigen Neuerungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Gleichzeitig brauche es in der Praxis die Bereitschaft aller wirtschaftlicher Akteure, neue Wege auszuprobieren.

Biblische Ethik und der Fluss des digitalen Wandels

In seiner Hinführung zum Tagungsthema rief Johannes Rehm in Erinnerung, wie sehr wir alle „im Fluss des digitalen Wandels“ leben, auch wenn „noch offen ist, wo die Reise hingeht.“ Nicht zuletzt deshalb ist für ihn „die Rede von der Digitalisierung unzureichend, wenn sie nur als technisches Phänomen betrachtet wird.“ Es brauche, so der Theologe und Leiter des kda Bayern, soziokulturelle Veränderung und gesamtgesellschaftliche Verständigung über Ethik. Hier könne der Ansatz der christlich-jüdischen Ethik vom gelingenden Leben und dem Menschen als Geschöpf und Gemeinschaftswesen wichtige Impulse geben. Wichtig sei, ihn in die neue Zeit zu übersetzen.

Wie dies aussehen könnte, welche weiteren Herausforderungen die Teilnehmer*innen beim Thema Bildung derzeit sehen und wie Bildung in zehn Jahren gestaltet sein könnte, darüber tauschten sich die Besucher*innen in der anschließenden Runde in Kleingruppen aus.

Mehrwert der Technik und ethischer Kompass

„Die Pädagogik bestimmt die Technik und nicht umgekehrt.“, betonte Ministerialdirektor Herbert Püls in seinem Grundsatzreferat. Es gehe bei allen Überlegungen und Planungen in erster Linie um die Menschen, also um die Frage: „Was ist der Mehrwert für die Schülerin/ den Schüler?“ Gleichzeitig bekräftigte der Leiter des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus die Bedeutung von Lesen, Schreiben und Rechnen als unerlässliche Grundkompetenzen. Daneben bedürfe es seiner Meinung nach nicht nur einer größeren gesellschaftlichen Wertschätzung der Lehrkräfte, sondern auch einer ethischen Wertebildung der rund 1,65 Mio Schlüler*innen. „Ob digital oder analog, unsere jungen Menschen brauchen einen ethischen Kompass.“ In der Praxis sollen deshalb neben Digitalisierungsberater*innen auch Wertebotschafter*innen an bayerischen Schulen eingesetzt werden.

Dialog und Befähigung zu lebenslangem Lernen

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Rückfragen aus dem Publikum betonte Simone Fleischmann nicht nur das Verständnis von Bildung als ganzheitlicher Bildung, sondern auch die Eigenverantwortlichkeit der Lehrkräfte und ihrer jeweiligen Klassen. Zum einen leben auch Lehrer*innen „in dieser digitalen Welt da draußen“, zum anderen wünschen sich auch Schüler*innen mal eine Auszeit von Digitalisierung. Zentral ist für die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands „der Dialog, und zwar der Dialog zwischen Menschen.“

Ähnlich schätzte auch Klaus Buhl, Pfarrer und Leiter des Religionspädagogischen Seminars in Heilsbronn den Alltag in der Schule ein. Die Schüler*innen empfinden „keine Spaltung zwischen digitaler und realer Lebenswelt.“ Allerdings beobachte er die Zunahme von Cybermobbing, deren Opfer Schüler*innen wie Lehrkräfte seien, mit Sorge. Wichtig sei es seiner Meinung nach, digitale Bildung gezielt in die didaktischen Strukturen des Unterrichts einzubinden und die jungen Menschen für ihre Spuren im Netz zu sensibilisieren.

Klaus Meisel, Geschäftsführer der Münchener Volkshochschule, ging in seinem Statement über den Kontext der Schule hinaus. „Das Allerwichtigste scheint mir zu sein, den gesellschaftlichen Diskus zur Digitalisierung zu fördern.“ Zwischen der Verherrlichung von Digitalisierung und einem Untergangsszenario brauche es einen gesunden Mittelweg und eine „Kultur der Präsenz“. Die menschliche Interaktion müsse in jedem Falle gefördert werden.

Offen blieb am Ende der Diskussion, welche Kompetenzen es für die Zukunft brauche bzw. welche in der Schule gelehrt werden sollten. Zu unabsehbar und zu dynamisch seien die gesellschaftlichen wie technischen Entwicklungen. Dennoch waren sich die Podiumsgäste einig, dass es neben der Fachkompetenz in den einzelnen Fächern bzw. Berufen einer allgemeinen Sozialkompetenz und einer kritischen Medienkompetenz bedürfe. Unter der Voraussetzung von lebenslangem Lernen sollten die jungen Menschen so ausgebildet werden, dass jede*r, der wolle, an der zukünftigen Arbeits- und Lebenswelt teilhaben könne, fasste es Püls zusammen.

Veränderungsbereitschaft und neue Denkwege

In drei Workshops wurde am Samstag Vormittag das Thema Bildung und Digitalisierung aus dem Blickwinkel von Unternehmen, von Arbeitnehmenden und des Handwerks beleuchtet und dabei auch theologische Aspekte einbezogen.
Der Workshop, in dem es um die Perspektive der Unternehmerschaft ging, diskutierte drei verschiedene Szenarien, wie sich Wirtschaft durch Digitalisierung wandeln werde. Yvonne Siegel, Referentin im ServiceCenter Aus- und Weiterbildung der Abteilung Bildung, Fachkräftesicherung und Integration der Bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber bayme vbm, ist sich sicher: „Es braucht eine große Bereitschaft zur Veränderung.“ Dies gelte für Unternehmen wie Mitarbeitende.
Frank Meixner, Sozialsekretär in der Region Oberfranken beim kda Bayern, schloss daran seine Forderung an, dass die Mitarbeitenden in den Betrieben gerade deshalb die Bildungsmöglichkeiten bekommen müssten, die sie benötigen. Sich dafür einzusetzen sei Aufgabe der der Betriebs- und Personalräte, denn leider gebe es in Bayern noch keine gesetzlichen Bildungsurlaub. Als Perspektive für den beginnenden Stellenabbau im Automobilbereich stellte er die Idee in den Raum, diese Menschen für das Handwerk zu gewinnen, wo derzeit dringend Kräfte benötigt werden.
Diesen Vorschlag griff Johanna Erlbacher gerne auf. Allerdings wies die Projektleiterin des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk in Bayreuth darauf hin, dass die realen Löhne im Handwerk „sehr, sehr weit weg sind“ von der industriellen Fertigung. Außerdem bedürfe es der Um- und Weiterqualifizierung dieser Menschen bevor sie im Handwerk eingesetzt werden könnten. Insgesamt sei der Wissensstand in puncto Digitalisierung im Handwerk noch sehr unterschiedlich. „Der Grund warum viele Betriebe digitalisieren ist, dass sie Zeit für das Wesentliche haben.“ So konnte beispielsweise eine Bäckerei rund 70% der Arbeiten von der Nacht in den Tag verlegen und damit attraktivere Arbeitszeiten bieten.

Bildung mit Kopf und Hand und als Wegbegleitung

Geistlich umrahmt wurde das Forum von einer Abendandacht am Freitag und einem Gottesdienst am Samstag. Peter Lysy und Sabine Behrendt vom kda Bayern formulierten anhand des Bilds von Paul Klee „Hat Kopf, Hand, Fuß und Herz“ (1930) biblische Impulse zur Vielfältigkeit von Bildung. Buhl griff in seiner Predigt am Samstag Früh die Emmausgeschichte auf. Lernen geschehe „auf dem Weg“, so wie bei den beiden Jüngern, die Jesus auf ihrem Weg begegneten. Sich zu begegnen, Lernimpulse zu geben und schließlich getrennt weiterzugehen seien seiner Ansicht nach wichtige Kennzeichen von Pädagogik.

Das nächste Forum Kirche -Wirtschaft-Arbeitswelt wird am 16./17. Oktober 2020 in Rothenburg stattfinden.

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