Die Vorurteile über ältere Beschäftigte sind falsch

HERRIEDEN. Beim Treffen für Arbeitnehmer*innenvertretungen in Herrieden stand das Thema „Alterns- und gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung“ und die damit verbundene Frage, welche Handlungsmöglichkeiten Arbeitnehmer*innenvertretungen hierbei haben, im Mittelpunkt. Als Expertin konnte Frau Prof. Dr. Anja Liebrich gewonnen werden. Sie ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der FOM Hochschule (Fachhochschule für Oekonomie und Management) und geschäftsführdende Gesellschafterin am Institut für Arbeitsfähigkeit GmbH. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist „alterns- und gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung“, zu dem sie auch am Abend in Herrieden vor 25 Teilnehmenden referierte.

“Alternsgerecht” ist nicht gleich “altersgerecht”

Zunächst sei es wichtig, die Begriffe Alternsgerecht und Altersgerecht gut zu unterscheiden, so Liebrich. Während mit “altersgerecht” kein bestimmtes Lebensalter gemeint sei, habe man beim Begriff „alternsgerecht“ ältere Arbeitnehmer*innen im Blick.
Nach der OECD-Definition sind ältere Arbeitnehmer*innen Personen, die in der zweiten Hälfte des Arbeitslebens sind, das Rentenalter aber noch nicht erreicht haben, sowie gesund und leistungsfähig sind. Das sind meist Personen im Alter zwischen 45 und 55 Lebensjahren.

Die Vorurteile sind falsch

Als Liebrich nach Vorurteilen über ältere Arbeitnehmer*innen fragte, konnten die Anwesenden schnell zahlreiche Beispiele aufführen, wie z.B.: sind öfter krank, sind schneller gestresst, wollen nichts neues mehr lernen, sind unflexibel und wenig motiviert, bringen geringere und schlechtere Leistungen, …
Alles falsch, sagt die Professorin. „Das sind alles Stereotypen, Bilder in den Köpfen, die nicht stimmen“. Sie beruft sich dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass ältere Beschäftigte sogar oft mehr Engagement zeigen, verlässlicher sind, pünktlicher sind, weniger störendes Verhalten zeigen und zufriedener mit Führungskräften sind. Auch das Vorurteil, dass ältere Arbeitnehmer*innen häufiger krankheitsbedingt fehlen, sei nicht richtig – allerdings fallen sie länger aus als jüngere, wenn sie erkranken.

Ältere Arbeitnehmer*innen leisten gut und solide

Je älter Menschen werden, desto unterschiedlicher werden sie auch, denn das Altern sei durch viele Einflussfaktoren bestimmt wie die Lebensführung, die Erfahrung, die Übung, die Lernanregung und das Selbst-/Fremdkonzept. Manches nehme mit zunehmendem Alter ab, manches bleibe gleich und manches nehme zu wie z.B. die Lebens-/Berufserfahrung, das Beurteilungsvermögen, die berufliche Geübtheit, das Verantwortungsbewusstsein, aber auch die Zuverlässigkeit und die Fähigkeit zu Perspektivenwechsel.

Eine alternsgerechte Arbeitsgestaltung lohnt sich

Liebrich betonte, dass ältere Arbeitnehmer*innen eine gute Arbeit leisten können, dazu brauche es aber auch eine entsprechende Gestaltung der Arbeit. Denn es komme darauf an, was älteren Arbeitnehmer*innen zugetraut wird, wie der Umgang mit ihnen ist, wie die Unternehmenskultur ist und wie ihre Arbeitsplätze gestaltet sind. Wenn es in einem Unternehmen für die Beschäftigten „passt“, sei das auch Ausdruck einer Alterns- und Gesundheitsgerechten Arbeitsgestaltung. Am Beispiel der Waage demonstrierte die Professorin, dass es auf die Balance der Arbeitsbedingungen ankomme. Die Arbeitstätigkeit und was jemand kann, müsse im Gleichgewicht stehen. Es sei wichtig, dass Tätigkeiten ausbalanciert sind: wenn etwas hinzu kommt, müsse etwas anderes weggenommen werden. Im Hinblick auf psychische Erkrankungen sei eine Über- aber auch Unterforderung zu vermeiden. Wenn der Mensch bei seiner Arbeit Mensch sein kann und die Arbeit seine Persönlichkeit fördert, dann sei die höchste Stufe erreicht, so die Professorin.

Was ist zu tun?

Unternehmen können aus einer Vielzahl an Instrumenten und Handlungsfeldern schöpfen, um die Arbeit alternsgerecht zu gestalten. Arbeitnehmer*innenvertretungen haben vor allem bei der Arbeitsgestaltung eine Möglichkeit der Mitgestaltung, vor allem im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Eine zentrale Bedeutung hierbei habe die Gefährdungsbeurteilung. Natürlich kann jede*r einzelne Beschäftigte im Hinblick auf alternsgerechtes Arbeiten vorbeugend etwas tun im Sinne einer Verhaltensprävention. Größere Effekte würden allerdings über die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitsgestaltung erzielt.

Die Treffen für Arbeitnehmer*innenvertretungen in Herrieden finden zweimal im Jahr statt und werden gemeinsam veranstaltet vom kda, der kath. Betriebsseelsorge und dem DGB-Mittelfranken. Eingeladen sind alle interessierten Betriebsrät*innen, Personalrät*innen, Mitarbeitervertreter*innen sowie Jugend- und Schwerbehindertenvertretungen.

Titelbild: Prof. Anja Liebrich wies in ihrem Vortrag auf die notwendige Ausgewogenheit der Arbeitsbedingungen hin. (Foto: kda Bayern)

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