Zwischen Data Love und Downskill-Effekten – kda Bayern auf dem Digital Festival Nürnberg

NÜRNBERG. Beim diesjährigen Nürnberger Digital Festival lud der kda Bayern zu einer Diskussion zum Thema „Der Algorithmus – mein Chef?!“ in die Räume von Auf AEG ein. Mit Arne Manzeschke, Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, und Jan Möllendorf, Geschäftsführer der defacto x GmbH aus Erlangen, waren zwei Experten mit sehr unterschiedlichen Perspektiven zum Thema an Bord, die miteinander und den Teilnehmer*innen engagiert ins Gespräch kamen.

So bezeichnete sich Möllendorf als Digitalisierungseuphoriker. Die Digitalisierung habe schon jetzt viele positive Effekte gehabt. Er könne heutzutage etwa mit seiner dementen Mutter bequem über einen Sprachassistenten jederzeit in Kontakt sein. Die Kritik und Ängste, die er in Deutschland mit Blick auf die Digitalisierung wahrnimmt, liegen seines Erachtens in einem Mangel an Wissen und daraus folgender geringer aktiver Beteiligung. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, die Menschen mitzunehmen und etwa zu erklären, wie Algorithmen funktionieren. User-Gewerkschaften könnten zudem eine Idee sein, die Interessen der Menschen etwa gegenüber großen Plattformen zu organisieren. Unter dem Strich habe er bisher jedoch noch keine wirklichen negativen Auswirkungen der Digitalisierung wahrgenommen.

An dieser Stelle widersprach Manzeschke vehement. Er sehe die Beeinflussungen der US-Wahl und des Brexit-Referendums durch Manipulationen in sozialen Medien ebenso kritisch wie die Etablierung des Social Scoring-Systems in China. Zudem biete die Digitalisierung nicht immer bessere Lösungen an. So können auch Algorithmen keine ethisch einwandfreien Antworten auf Dilemma-Situationen in der realen Welt entwickeln, was etwa beim Autonomen Fahren zu den öffentlich diskutierten rechtlichen Problemen führt. Mit der Schaffung von E-Persons wird zwar eine rechtliche Regelung geschaffen, so dass durch KI verursachte Schadensfälle beglichen werden können. Die ethische Problematik ist dadurch aber nicht gelöst.

Zudem stelle die Digitalisierung unsere Gesellschaft vor eine große Herausforderung, so Manzeschke, da sie in der Arbeitswelt zugleich zu Up-Skill- und Down-Skill-Effekten führen werde. Während viele Tätigkeiten, die heute noch von Menschen durchgeführt würden, automatisiert werden, dürften in Zukunft nur noch Tätigkeiten übrigbleiben, die auf der einen Seite besonders hohe Qualifikationen erfordern, deren Digitalisierung sich auf der anderen Seite nicht rechnen würde. Diese Effekte werden besonders durchschlagen, da sie in vielen Branchen gleichzeitig und zeitnah erfolgen werden, so dass politisch gesteuerte, längerfristig angelegte Transformationsprozesse, wie etwa im Bergbau, schwer umzusetzen sein werden.

Mit dem Publikum diskutierten die Referenten, ob Algorithmen fairer als Menschen sind, etwa bei der Personaleinstellung, weil sie keine Entscheidungen aufgrund von Sympathie, Ähnlichkeiten oder persönlichen Vorlieben träfen. Während Manzeschke die Übertragung des Begriffs der Fairness auf Maschinen infrage stellte, meinte Möllendorf: „Vielleicht sind Algorithmen fairer, aber mit den Leuten, die diese auswählen, werden Sie keine funktionierenden Teams bekommen.“ Hingegen hielte er es als Chef für hilfreich, wenn er standardisierte Prozesse an Algorithmen abgeben könnte, um mehr Zeit für Gespräche mit Mitarbeiter*innen und die Entwicklung von neuen Ideen zu haben.
Auf die Frage, wie dem bei Konsumenten verbreiteten Bedürfnis nach Convenience als Treiber für die Digitalisierung in Unternehmen begegnet werden kann, antwortete Manzeschke: „Eine ethische Haltung zu entwickeln, ist mühsam, weil man dazu hinterfragen und verstehen lernen muss. Das heißt natürlich, dass man sich dabei selbstverständlich aus der eigenen Komfortzone herausbewegt.“

Die theologischen Abschlussgedanken der Veranstaltung von Pfr. Peter Lysy können Sie hier nachlesen.

2019-07-18-Digitalfestival-Gruppenbild-Rkda-web

Titelbild: Jan Möllendorf von Defacto x (li.) und Arne Manzeschke (re.) beim Digital Festival im Gespräch mit Roland Hacker vom kda Bayern. (Fotos: kda Bayern)

, ,
Vorheriger Beitrag
Solidarität mit LOEWE-Mitarbeitenden
Nächster Beitrag
“Trauer im Betrieb” – Fortbildung für Arbeitnehmervertretungen

Ähnliche Beiträge

Menü