Sprung nach vorne statt Rolle rückwärts in der Genderfrage

NÜRNBERG. Corona ist ein Anstoß, in Zukunft Vieles besser zu machen. Das Virus, das unser soziales Leben derzeit noch lähmt, könnte Bewegung in manche arbeitsweltlichen und gesellschaftlichen Fragen bringen. Der neue kda report 2020 widmet sich deshalb dem, was wir aus der Krise lernen können. Nina Golf betrachtet die Folgen von Corona unter Genderaspekten. Wie kann eine substanzielle Verbes- serung der Arbeitsbedingungen von Frauen in systemrelevanten Berufen gelingen? Kommt nach dem Applaus die Lohnerhöhung?

Corona und die Geschlechterfrage

Die Corona-Pandemie stellt uns weiterhin gesundheitlich, aber auch sozial, familiär und beruflich vor große Herausforderungen. Es hat sich gezeigt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht-intendierte soziale Folgen haben. So liegen nun auch zur Frage der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern während der Corona-Krise erste wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Zusammenfassend lässt sich bereits aus der Alltagsbeobachtung sagen: Frauen arbeiten besonders häufig in systemrelevanten Berufsfeldern, wie der Pflege und dem Einzelhandel, aber auch zu Hause als Ersatzlehrerinnen und Kinderbetreuerinnen. Doch was können wir aus der Krise lernen?

Systemrelevant, unterbezahlt, weiblich

Es gibt Berufe und Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens, die unverzichtbar für das gesellschaftliche Überleben sind. Viele dieser Berufe wer- den überwiegend von Frauen ausgeübt. In den Berufsfeldern Pflege, Reinigung, Verkauf sowie Erziehung und Soziales liegt der Frauenanteil jeweils bei über 80 Prozent (DGB kompakt 01/2020).
Trotz der hohen gesellschaftlichen Relevanz ist das Lohnniveau für den überwiegenden Teil dieser Berufe unterdurchschnittlich. Das DIW errechnet, dass der durchschnittliche Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen lediglich bei 15 Euro liegt und damit zwei Euro unterhalb des Durchschnitts aller Berufe (DIW aktuell Nr. 48, 6/2020).
Damit sind auch die Arbeitnehmer*innen nicht zufrieden: In den vier oben genannten Berufsgruppen hält der überwiegende Teil ihr Einkommen gar nicht oder nur in geringem Maße für angemessen. Bei den Verkaufsberufen sind 54 Prozent, bei den Erziehungs- und Sozialberufen 57 Prozent, bei den Reinigungsberufen 58 Prozent und bei den Pflegeberufen sogar 73 Prozent der Beschäftigten unzufrieden (DGB kompakt 01/2020).
Nicht nur die Bezahlung ist ein Manko in diesen Berufsgruppen. Sie arbeiten häufiger als andere befristet oder in Teilzeit, weisen häufiger einen Fachkräftemangel auf. Ihre Arbeit ist überdurchschnittlich oft gekennzeichnet durch schwere körperliche Arbeit und häufig durch Arbeitszeiten am Abend, in der Nacht, am Wochenende oder am Feiertag. Dabei resultiert der Stress, dem die Beschäftigten ausgesetzt sind, am häufigsten durch Zeitdruck und Personalmangel.

Krise ist nicht gleich Krise

Frauen sind stärker von der Krise 2020 als von der Krise 2009 betroffen. Während im Krisenjahr 2009 mehrheitlich männerdominierte Wirtschaftsbereiche von Kurzarbeit betroffen waren, etwa das Verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe, sind in der aktuellen Krise vor allem Bereiche betroffen, in denen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, wie das Gastgewerbe, die Bereiche Kunst, Unterhaltung und Erholung (DIW aktuell Nr. 42, 5/2020). Dabei waren laut DIW im Vergleich zum gesamten Krisenjahr 2009 bereits im Mai 2020 ein mehr als doppelt so großer Teil der Beschäftigten von Anzeigen zur Kurzarbeit betroffen. Darüber hinaus sind Geringfügig Beschäftigte nicht durch Kurzarbeit geschützt. Der Frauenanteil unter den Geringfügig Beschäftigten beträgt 61 Prozent.

Mütter kompensieren den Betreuungsausfall: Rund ein Drittel der Frauen reduziert ihre Arbeitszeit während der Krise für die Kinderbetreuung.
Quelle: Kohlrausch, Bettina/ Zucco, Aline (2020): Die Corona-Krise trifft Frauen doppelt, Weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit, Policy Brief WSI Nr. 40 05/2020, eigene Darstellung.

Retraditionalisierung der Arbeitsteilung

In der häuslichen Sorge und Kinderbetreuung übernehmen Frauen traditionell den Hauptteil der Arbeit. Unter den Schließungen der Schul- und Betreuungseinrichtungen während der Corona-Pandemie sind Familien unter großen Druck geraten. Um die zusätzliche Kinderbetreuung zu gewährleisten haben 27 Prozent der Mütter , aber nur 17 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit reduziert. Besonders in Familien mit einem niedrigen und mittleren Haushalteinkommen haben die Frauen den Betreuungsaufwand durch Arbeitszeitreduzierung kompensiert (siehe Grafik oben).
Die Tendenz zu einem Rollback, einer Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung, lässt sich auch daran messen, dass Familien mit einer zuvor fairen Arbeitsteilung in der Krisenzeit in ein Ungleichgewicht geraten sind. Darin sind sich die befragten Männer und Frauen einig (siehe Grafik unten). Während 64 Prozent der Frauen und 57 Prozent der Männer angeben, die Sorgearbeit weiterhin gleichberechtigt anzuge- hen, geben 25 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer an, dass den Hauptteil der Sorgearbeit nun die Frauen/Mütter verrichten. Nur elf Prozent der Frauen und zwölf Prozent der Männer sehen den Hauptteil der Sorgearbeit in Männerverantwortung.

Rollback bei den Geschlechterrollen: Paritätische Aufgabenverteilung vor der Krise verschiebt sich bei gut einem Viertel der Paare zu Ungunsten der Frauen
Quelle: Kohlrausch, Bettina/ Zucco, Aline (2020): Die Corona-Krise trifft Frauen doppelt, Weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit, Policy Brief WSI Nr. 40 05/2020, eigene Darstellung

Rolle rückwärts mit Folgen

Weniger Erwerbsarbeit und weniger Einkommen haben negative Auswirkungen auf die sozialstaatlichen Absicherungen, wie Arbeitslosenversicherung, Kurzarbeitergeld und Rentenansprüche. Auch besteht das Risiko, die Arbeitszeit nicht mehr aufstocken zu können. Die befragten Eltern und insbesondere die Mütter sind daher zu einem großen Teil unzufrieden mit ihrer Arbeit und machen sich größere finanzielle Sorgen als Kinderlose. Auch sorgen sich Mütter stärker um ihre Arbeitsplätze als Väter (WZB Ergebnisbericht April 2020). Frauen bekommen zudem von Arbeitgeber*innen seltener einen Laptop zur Verfügung gestellt, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwert, wie die Initiative D21 feststellt.

In und aus der Krise lernen: Die Rolle vorwärts!

Wichtige politische Unterstützungsmaßnahmen, die in den letzten Monaten umgesetzt wurden, sind die Corona-Prämien im Verkauf und in der Pflege sowie die Kindernotbetreuung für Familien mit Eltern in systemrelevanten Berufen. Das sind kleine Schritte in die richtige Richtung, aber sie reichen nicht aus.
Wichtiger wäre es, Maßnahmen zur Pandemieeindämmung bereits pro- spektiv daraufhin zu überprüfen, wie sie sich auf die Arbeits- und Lebensqua- lität verschiedener Bevölkerungsgruppen auswirken. So ist die Schließung von Schulen und Kitas auch danach zu beurteilen, ob sie Frauen und Männer gleichermaßen belasten. Aus Sicht der Familien, insbesondere der Kinder und Frauen wären die Finanzierung innovativer Betreuungsmodelle und der Ausbau des digitalen Unterrichtes sowie
die digitale Ausstattung von Familien mit geringem Haushaltseinkommen ein großer Schritt nach vorne.
Wichtige und weitreichende Forderungen sind entsprechend Art. 3 GG zur tatsächlichen Gleichstellung:

  • die höhere tarifliche Entlohnung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen von systemrelevanten Berufen sowie die Heraufsetzung des Mindestlohnes
  • die allgemeine Reduzierung der regulären Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche mit familienkompatibler Flexibilität
  • die Prüfung der bestehenden konjunkturellen Hilfsprogramme, ob diese die Arbeitssituation von Frauen und Männer gleichermaßen begünstigt
  • die betriebliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern bei der Ausstattung mit technischen Arbeitsmitteln und Fortbildungen, um einen Digital Gender Gap zu vermeiden
  • die paritätische Besetzung der politischen Entscheidungsgremien und Kommissionen, damit die Lebenswirklichkeit von Frauen ein stärkerer Bestandteil wirksamer politischer Entscheidungen wird.

(Foto: Ogutier/ pixabay.com)

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