Der Kunde in mir

Damals, als wir noch richtig im Urlaub waren, da fuhren wir ans Meer nach Ostfriesland. Schon der Blick ins letzte Jahr klingt wie ein Bericht aus einer ganz anderen Zeit. Aber auch ohne Vorsichtsmaßnahmen im Zuge der Coronapandemie kam mir die Reise damals vor, wie in eine andere Welt. Als Franke stellte ich mit Erstaunen fest, dass der Supermarkt gegenüber unserer Ferienwohnung am Sonntag geöffnet hatte.
Und wie es der Zufall (oder die Psychologie) will, war dann am Sonntag auch das Bier alle und die Babyfeuchttücher leer. Meine Frau und ich waren zunächst unsicher. Psychologisch betrachtet trägt ja jeder Mensch verschiedene Typen in sich, die jeweils unterschiedliche Werte und Verhaltensnormen pflegen. Meist ergänzen sie sich, doch immer mal wieder kommt es zum inneren Konflikt. Unsere inneren Teams trafen sich zur Krisensitzung. Die Genügsame in meiner Frau meinte, sie könne auf Bier heute Abend verzichten, wenn es sein muss. Der Praktische in mir sah kein Problem darin, einen Tag mit unserem einzigen Waschlappen des Kindes Po zu reinigen. Aber dann kam Er zu Wort, der Kunde in mir: „Wir haben doch Urlaub, da macht man die bequemen und schönen Dinge.“ Ja, auch ich trage einen Kunden in mir. Er geht mit einer gewissen Bequemlichkeit durch die Welt und an diesem Urlaubstag war es eben das Bedürfnis, keine Waschlappen waschen zu müssen. Ein Ausnahmezustand quasi.
Ich ging schließlich in den Laden, besorgte, was ich musste, und beobachtete aufmerksam mich und meine Umgebung. Niemand stöhnte, niemand ging geknechtet und gebeugt umher. Auch die Verkäufer*innen waren so freundlich wie die anderen Tage auch. Ein völlig normaler Tag. Es fühlte sich nur nicht wie Urlaub an. Schon gar nicht wie Sonntag.
Eine Atempause vom Einkaufszettel schreiben oder endlosen Kalendersessions mit Familie und Freunden zur Freizeitplanung. Gottesdienst. Die Dinge erleben, die ich mir die Tage zuvor gekauft habe. Das ist mein Sonntag. Ganz egoistisch. Und ich gönne den Verkäufer*innen und all den anderen, ebenfalls einen Tag in der Woche gemeinsam frei zu haben. Ohne Planung und Antrag.
Jesus sagt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2, 27). Wir halten die Füße nicht wegen des Sonntags still. Der Sonntag existiert, damit wir die Füße gemeinsam stillhalten können. Er ermöglicht Gesellschaft, weit über unsere Glaubensgemeinschaft hinaus. Das versteht auch der Kunde in mir. Einmal die Woche. Ich mag den Sonntag.

Martin Deinzer, kda Nürnberg

Foto: Peter Bond, unsplash

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