Gehen dürfen

Schade, dass es so zu Ende geht. Eigentlich hätte ich mir das anders vorgestellt. Jetzt ist ja gar niemand da, der „Tschüss“ sagt… Nach einem langen Arbeitsleben in den Ruhestand gehen zu dürfen, für viele eine schöne Vorstellung. So war auch der Plan eines Mannes, den ich schon länger kenne. Fast schon minutiös hatte er die letzten Jahre, Monate und Wochen bis zu seinem Ruhestand geplant. Und dann? Dann kam Corona.
Sicherlich, er blieb gesund und in Lohn und Brot. Aber die Kontakte, die Flurgespräche, das alles gab es jetzt nicht mehr. Ich hatte immer mehr den Eindruck, dass er gerne alles nach hinten schieben würde, um sich so von den Kolleginnen und Kollegen verabschieden zu können, wie er sich das vorgestellt hatte. Mit gemeinsamer Brotzeit und den besten Geschichten aus einem langen und eigentlich erfüllten Arbeitsleben.

„Eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt,“ so hat er mir das in einem Telefonat gesagt. Und jetzt?
Nicht in Ruhestand zu gehen schied als Lösung aus. Und ich hatte das Gefühl das er eine „Antwort“, eine Aussage von mir zu seinem Dilemma, erwartete.
Sage nicht: ‚Ich bin zu jung‘, sondern gehe, wohin ich dich sende.“ Dieser Satz aus dem ersten Buch Jeremia (Jer 1,7) ging mir durch den Kopf und lange bevor ich darüber nachdenken konnte, war er auch schon ausgesprochen. Was folgte war Schweigen – Schweigen, das mich verunsicherte. Einem Mann mit 64 Jahren nach langer Arbeitszeit so etwas zu sagen –  durfte ich das? Aber ausgesprochen war es nun, und ich hatte den Eindruck, dass der Satz etwas auslöste.
„Hm…,“ kam es nach einiger Zeit zurück. „Zu jung bin ich ja gar nicht,“ lachte er. „Es ist halt das Eine, etwas zu planen und sich vorzustellen und vielleicht etwas Anderes, was dann daraus wird. Ganz viele reden momentan, wie schwer es ist, in einer Firma neu anzufangen. Aber so ein Ende ist gerade auch nicht leicht. Vermutlich haben Sie Recht, ist halt jetzt an der Zeit.“

Sage nicht: ‚Ich bin zu jung‘, sondern gehe, wohin ich dich sende. – Vielleicht gerade in der aktuellen Situation eine Gewissheit und Beruhigung, „gehen“ zu dürfen. In einen verdienten Ruhestand. Unter der Hand und dem Segen Gottes.

Ulrich Gottwald, kda Augsburg

(Foto: jacqueline macou/ pixabay.com)

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