LebensGeschichten hinter Fenstern

Manchmal schaue ich abends auf die Reihe der erleuchteten Fenster in meiner Straße und denke darüber nach, wie viele Lebensgeschichten sich wohl dahinter abspielen. Von einigen Nachbar*innen kenne ich Tagesrhythmen, die Automarke oder Balkonbepflanzung. Was in der Regel verborgen bleibt, sind die unbemerkten Geschichten:
Da ist der Arzt, der jede Woche eine seiner Mieterinnen besucht – privat. Sie ist über 90 und lebt mit ihrem erwachsenen behinderten Sohn zusammen. Der Arzt spricht mit ihr über ihren Alltag, schaut im Kühlschrank nach dem Rechten, füllt Überweisungsträger aus und „durfte“ jetzt auch den Keller aufräumen. Nur ein Thema bleibt bisher ausgespart: Was ist, „wenn es mal nicht mehr geht…“ Wer kümmert sich um den behinderten Sohn?
Oder die junge Familie, die den Garten ihres ehemaligen WG-Mitbewohners, der jetzt durch eine Krebserkrankung geschwächt ist, versorgt. Sie ernten, sie kochen ein, sie portionieren für die Gefriertruhe. So hat die Familie wenigstens die Lebensmittel zur Verfügung, wenn die Frau mit der ebenfalls krebskranken Tochter am Wochenende von der Klinik nach Hause kommt…

Helft, unterstützt, arbeitet füreinander. Jeder mit der Stärke, die er von Gott empfangen hat. (1. Petrus 4,10)

Systemrelevant ist diese Arbeit. Arbeit ohne Lohn, ohne Ehre und ohne Orden. Arbeit, weil wir so frei sind. Weil wir von Gott Talente bekommen haben, die wir an andere Menschen weitergeben können. Und der Arzt wird da sein, „wenn es nicht mehr geht“. Und die WG-Freundschaft trägt noch immer, sodass sie auch harte Zeiten übersteht.
So lange ich solche Geschichten höre, die sich eben auch hinter den Fenstern abspielen, vertraue ich darauf, dass Gemeinde lebt, dass Quartiere sich entwickeln, dass diese Gesellschaft weitergeht, dass es Menschen gibt, die für andere arbeiten, weil sie die Menschen mögen.

Ich wünsche dir Augen,
die die kleinen Dinge des Alltags
wahrnehmen und ins rechte Licht rücken.
Ich wünsche dir Ohren,
die die Schwingungen und Untertöne
im Gespräch mit anderen aufnehmen.
Ich wünsche dir Hände,
die nicht lange überlegen,
ob sie helfen und gut sein sollen.
Ich wünsche dir
zur rechten Zeit
das richtige Wort.
Ich wünsche dir ein liebendes Herz,
von dem du dich leiten lässt,
damit überall, wo du bist, der Frieden einzieht.
(Richard Schatzhauer)

Dorothea Kroll-Günzel, kda Nürnberg

Mittwochsandacht

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